Sexualität ist Privatsache | Becky Albertallis Outing & meine Gedanken

Vor ein paar Tagen hat sich Autorin Becky Albertalli, bekannt für Love, Simon und Leah on the Offbeat als bisexuell geoutet – gezwungenermaßen. Sie fühlte sich genötigt zu diesem Schritt, weil in den letzten Jahren vermehrt über ihre Sexualität diskutiert wurde, die nicht enden wollte.  Sie wurde kritisiert und beleidigt dafür, als scheinbar heterosexuelle weiße cis Frau queere Bücher zu schreiben. Ich hatte schon länger überlegt, mich zu dem Thema zu äußern, da es oft auf Social Media breit diskutiert wird, nicht nur bei Autoren und Autorinnen, sondern auch bei Schauspieler*innen. Dann kam der Text von Becky Albertalli und ich fand, nun wäre ein guter Zeitpunkt gekommen, um ein paar Gedanken loszuwerden. Es machte mich traurig zu sehen, wie sich Menschen ihr gegenüber verhalten haben und das sie sich auf dieser Art und Weise Outen „musste“. Es ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Überthematisierung von Sexualität ein Problem darstellen kann und darum wird es in diesem Beitrag gehen.

And I’d feel uncomfortable, anxious, almost sick with nerves every time they discussed mine. And holy shit, did people discuss. To me, it felt like there was never a break in the discourse, and it was often searingly personal. I was frequently mentioned by name, held up again and again as the quintessential example of allocishet inauthenticity. I was a straight woman writing shitty queer books for the straights, profiting off of communities I had no connection to.(Albertalli, Becky)

Es wurde auch nicht berücksichtigt, dass sie seit zehn Jahren mit queeren Jugendlichen zusammen arbeitet. Oder das sie in ihren Bücher keine problematischen Tropes vorliegen. Ja, es sind in zuckergepackte Geschichten, die nicht die Härte des Alltags aufzeigen, die viele queere Menschen heute leider immer noch erleben. Das kann man gut finden oder nicht. Ich finde, dass Bücher wichtig sind, die zeigen, wie schwierig ein Coming-Out für Jugendliche (und Erwachsene) darstellt, gleichzeitig finde ich es auch wichtig, dass nicht in allen Büchern ausschließlich darauf der Fokus liegt. Ich wusste nicht, dass ich ein Jugendbuch brauchte, indem eine bisexuelle Protagonistin ein kitschiges Happy End mit einem Mädchen erhält, bis ich Leah on the Offbeat gelesen habe. Solche Bücher sind genauso relevant.

Wichtig bei dem Thema ist gute Recherche und ein Sensitive Reading. Während man die Hautfarbe einer Person ansieht, ist die Sexualität kein sichtbares Merkmal. Dementsprechend empfinde ich LGBTQIA+ Own Voices Bücher als schwierig, weil hierfür die Autoren und Autorinnen geoutet sein müssen. Und das ist aus verschiedenen Gründen nicht immer möglich. Im Falle von Becky Albertalli hat sich die Autorin zunächst als heterosexuell bezeichnet. Im Laufe ihrer Arbeit an Leah on the Offbeat merkte sie allerdings, dass sie selbst bisexuell ist, es schon immer war, sich so aber nie gesehen hat, woran auch ihr Aufwachsen in einem konservativen Vorort im Süden der USA dabei getragen habe.

„But labels change sometimes. That’s what everyone always says, right? It’s okay if you’re not out. It’s okay if you’re not ready. It’s okay if you don’t fully understand your identity yet. There’s no time limit, no age limit, no one right way to be queer.“ (Albertalli, Becky)

Bei vielen ist ein Coming-Out ein langer Prozess. Wo es zeitweise dauert, sich Dinge einzugestehen, wo Label wechseln. Ich habe mich selbst auch für 20 Jahre meines Lebens für heterosexuell gehalten, bis ich auf einmal feststellte, dass ich in eine Person des gleichen Geschlechts verliebt war. Was war ich nun? Gibt es heteroflexible? Bin ich bi, pan? Am Anfang habe ich mich als queer bezeichnet, weil ich mit der Situation überfordert hatte und es mir persönlich reichte zu wissen, nicht 100-Prozentig heterosexuell zu sein. Ich habe das Thema nie angesprochen, weil es für meine Beiträge, wenn ich zu Büchern, Filmen und Serien blogge, einfach nicht von Belangen ist. Ändert dieses Wissen für euch jetzt was an den Inhalten meiner Beiträge? Vielleicht ergibt es jetzt Sinn, das eine meiner ersten Artikel auf dem Blog darüber ging, warum Filme wie Love, Simon wichtig sind, das ich die Heteronormativität in The Cursed Child kritisiert habe und ich in einem Serien-Tag meinte, mich mit Amy aus Faking it identifizieren zu können. Doch ansonsten? Sexualität ist in erster Linie etwas Privates und definiert nicht allein eine Person. Sondern es ist ein Teil von vielen weiteren Aspekten, die die Persönlichkeit bilden. Und das gilt auch für Autoren und Autorinnen, die queere Romane schreiben. Die Sexualität definiert nicht, ob ein Roman gut ist oder nicht.

Dadurch, dass ich selbst eine lange Phase des Outings durchgegangen bin, es immer noch nicht ganz abgeschlossen- und mit Unsicherheit verbunden ist, weiß ich, dass es im 21. Jahrhundert immer noch kein einfaches Thema ist. Und da kann ich mich glücklich schätzen, einen toleranten Freundeskreis zu haben. Dieses Glück haben nicht alle. Daher kann man andere nicht einfach zu einem Coming-Out zwingen. Aus diesem Grund sehe ich auch die steigende Forderung und aufkeimende Debatte, dass homosexuelle Figuren auch von homosexuellen Menschen gespielt werden sollen als kritisch. Denn wie ich schon oben geschrieben habe, gibt es Menschen, die noch nicht bereit sind für ein Outing, dann gibt es wiederum solche, die sich ihrer Sexualität nicht sicher sind. Labels sind nicht in Stein gemeißelt. Dazu verkörpern Schauspieler*innen verschiedene Figuren. Es ist ihre Aufgabe, unterschiedliche Persönlichkeiten zu verkörpern. Die eigene Sexualität ist da nicht von Belangen. Zudem sehe ich da die Schwierigkeit, dass es dazu führen könnte, dass schwule Menschen nachher nur noch für schwule Protagonisten gecastet werden. Wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass es früher viele öffentliche geoutete Schauspieler oft schwieriger war heterosexuelle Figuren zu spielen. Was einfach unmöglich ist und ich hoffe, da es aktuell einen Wandel gibt, beispielsweise sind Andrew Scott und Neil Patrick Harris zwei sehr erfolgreiche Schauspieler.

Worauf ich hinaus möchte? Das man wieder stärker auf den Inhalt eines Buches, auf die Darstellung eines Schauspielers schaut, statt über die Sexualität von anderen Menschen zu diskutieren. Und das wir sensibler mit dem Thema Coming-Out und Labels umgehen. Was uns Becky Albertallis Text zudem gezeigt hat, ist, dass Bashing von scheinbar nicht Own-Voice LGBTQ Romane problematisch ist, was gleich um nicht bedeutet, dass Own-Voices, Geschichten von Betroffenen nicht wichtig sind.

Let me be perfectly clear: this isn’t how I wanted to come out. This doesn’t feel good or empowering, or even particularly safe. Honestly, I’m doing this because I’ve been scrutinized, subtweeted, mocked, lectured, and invalidated just about every single day for years, and I’m exhausted. And if you think I’m the only closeted or semi-closeted queer author feeling this pressure, you haven’t been paying attention. (Albertalli, Becky)

Wie seht ihr die Sache?
Seid ihr meiner Meinung oder habt ihr eine ganz andere?
Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.

2 Kommentare

  1. So nun habe ich den Beitrag wie angekündigt auch gelesen und finde ihn klasse. Inhaltlich wusste ich ja schon grob um was es gehen würde und du kennst meine Meinung – deshalb halte ich es kurz und finde, dass du ihn super verfasst hast und das Argument perfekt auf den Punkt bringst. Ich pflichte dir da in allen Punkten bei, denn ich finde es extrem problematisch dass man Menschen zu einem Outing zwingt. Ob man das tut, sollte eine Privatsache bleiben. Genauso, ob man über solche Themen in der Öffentlichkeit redet. Die einen teilen solche Dinge eben lieber, als andere. Beides ist gut und schön und beides sollte man respektieren.

    Mir fällt bei den erfolgreichen Darstellern auch noch Matthew Bomer ein – bei dem wusste ich das bis vor kurzem gar nicht, dass er schwul ist. Jetzt weiß ich es, aber mein Bild von ihm als Schauspieler hat sich dadurch null verändert. Oder auch Colton Haynes. Beide sind ja weiterhin gut im Geschäft. Wenn man an Frauen denkt hat sich ja auch bei Cara Delevigne oder Ruby Rose durch ihr Outing nichts geändert. Ich finde, dass man da auf einen guten Weg ist. Viele gehen ja aktuell den Schritt da offen auf ihren Sozialen Netzwerken zu sprechen und müssen deshalb trotzdem kein Karrierende mehr erwarten.

  2. Dankeschön für dein liebes Kommentar Nadine,
    ja du weißt ja auch, dass ich damit dich gemeint hatte :D. Aber gut zu wissen, dass der auf jeden Fall laufen wird – aktuell bin ich da total raus, was nun läuft und was nicht. Es ändert sich so viel.

    Ja manche bzw. eher eine kleine Minderheit haben da scheinbar ein sehr dünnes Ego und können es nicht ertragen, wenn in einer Serie der Fokus mal auf Frauen liegt. Ka wieso, ich als Frau schaue ja auch Serien wo der Cast hauptsächlich männlich ist und habe da kein Problem mit – siehe „Supernatural“. Da stört mich das ehrlich gesagt null, dass es um die Beziehung der Brüder geht und wir keine weibliche Hauptfigur haben bzw. auch sowas wie Romantik keine Rolle spielt. Ich finde das eher positiv. Und warum solltes sowas dann nicht auch in Bezug auf weibliche Figuren geben? Heißt ja nicht, dass wir dann keine Serien mehr haben, die den Fokus auf Männer legen oderk eine Serien mit gemischten Casts.

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