Harry Potter Monat Teil 3

Wieso gibt es kein Happy End für Scorpius und Albus?

Eine Kritik zu The Cursed Child

VON NADINE

Auch unter Bloggerfreundinnen gibt es mal Meinungsverschiedenheiten. Daher spiegelt der folgende Text lediglich meine Meinung (Nadine) wider, Sarah sieht die ganze Thematik etwas anders. Trotzdem haben wir uns dazu entschieden, euch diesen Beitrag nicht vorzuenthalten.

Eigentlich wollte ich von meiner Vorfreude berichten, von meiner Vorfreude, dass Sarah und ich nächstes Jahr Harry Potter and the Cursed Child in London anschauen werden. Ich wollte schreiben, wie aufgeregt ich war, als ich die Karten bestellt habe, wie ich mit meinen Beinen auf den Boden getrommelt habe, weil ich es nicht abwarten konnte. Nach fast zwei Stunden im virtuellen Warteraum auch kein Wunder. Schließlich kam ich als 17.000. Besucher an die Reihe und musste zunächst feststellen: An mehreren Tagen waren in unserer Preisklasse schon keine Karten mehr verfügbar! Panisch klickte ich weiter und endlich fand ich noch welche. Dass es leider Sitzplätze mit eingeschränktem Blick waren, bekam ich erst mit, als ich glücklich die Bestätigung in meinen Händen hielt.

Eigentlich wollte ich von der Fahrt nach London berichten, von unserer Reise nächstes Jahr im März mit dem Flixbus, aber darum wird es heute nicht gehen. Grund dafür ist eine Sache, die mir beim erneuten Lesen des Theaterstücks negativ aufgestoßen ist und die ich beim ersten Mal nicht in dem Sinne wahrgenommen habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich erst vor kurzem das Thema in der Universität hatte und mit einer anderen Sichtweise an die Geschichte herangegangen bin.

Zwar freue ich mich immer noch auf die Fahrt nach London und den Theaterbesuch, dennoch finde ich es wichtig, einen kritischen Blick auch bei seinem Lieblingsfandom nicht zu verlieren.

Insgesamt empfinde ich das Stück als eine runde Sache. Ich sehe es nicht als eine direkte Fortsetzung an, sondern als das, was es ist: ein Theaterstück. Deswegen stören mich die oft kritisierten Handlungsstränge um den Zeitumkehrer und Voldemorts Kind nicht. Es ist ein anderes Medium, in dem Dinge nicht nach dem gleichen Schema funktionieren. Die Sache, die ich kritisiere, liegt einem gesellschaftlichen Phänomen zugrunde und zwar die der Heteronormativität.

Das Phänomen besagt, dass heterosexuelle Menschen sich nicht outen müssen, im Gegensatz zu denjenigen, die davon abweichen, weil zunächst einmal davon ausgegangen wird, dass jede Person heterosexuell ist. (Das Phänomen ist deutlich komplexer. Ich musste mich nur kurzfassen, weil eine vollständige Erläuterung den Rahmen dieses Textes gesprengt hätte.)

Wie stark die Verankerung in der Gesellschaft ist, zeigt sich in der Literatur, wo eine heterosexuelle Paarbildung überwiegt.

In The Cursed Child legt Joanne K. Rowling Andeutungen betreffend der Beziehung zwischen Harrys Sohn Albus und Dracos Sohn Scorpius. Sie lernen sich auf ihrer ersten Zugfahrt nach Hogwarts kennen und werden gute Freude, vielleicht werden sie auch mehr? Die insgesamt 150 Fanfiktions, in denen Scorpius und Albus als Paar geshippt werden, zeigen ein eindeutiges Ergebnis. Viele Leserinnen und Leser sehen die beiden in einer romantischen Beziehung. Dass dies nicht in der Luft gegriffen ist, seht ihr an den folgenden Beispielen aus dem Theaterstück:

„ALBUS hugs his friend. With firceness. They hold for a beat. SCORPIUS is surprised by this.

[SCORPIUS] Okay. Hello. Um. Have we hugged before? Do we hug?

The two boys awkwardly dislocate.“ (S. 55)

Liegen hier nicht deutliche Spannungen vor? Knistert nicht die Luft zwischen den beiden? Sie verweilen länger in der Umarmung, lösen sich aus ihr peinlich berührt. Beide wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Insbesondere Scorpius wirkt aufgrund des mehrmaligen Nachfragens verwirrt.

SCORPIUS appears at the back of the stage. He looks at his friend talking to a girl – and a part of him likes it and part of him doesn´t. (S. 105)

Zusätzlich ist Scorpius nicht begeistert, als er Albus zusammen mit Delphi trainieren sieht. Er wirkt eifersüchtig. Wieso? Weil er Gefühle für ihn hegt. Hinzukommend kann er die Dementoren erst besiegen, als er an Albus denkt, der bei ihm die glücklichsten Erinnerungen hervorruft und sein Anker ist. Snape entgegnet ihm an der Stelle:

„Listen to me, Scorpius. Think about Albus. You´re giving up your kingdom for Albus, right?“ (S. 207)

Nicht nur Snape, auch Delphi bemerkt die starke Verbindung zwischen den beiden und bezeichnet Scorpius als die größte Schwäche von Albus, weil er alles für seinen Freund machen würde. Sie brauchen einander, halten es nicht ohne den anderen aus und sind nur mit dem anderen vollständig.

Betrachten wir die Geschichte aus einem anderem Gesichtspunkt: Scorpius ist ein Mädchen. Sie werden gute Freunde, haben niemanden außer einander und erleben gemeinsam gefährliche Abendteuer. Niemand käme auf die Idee zu hinterfrage, ob sie Gefühle für einer entwickeln, da es letztendlich darauf hinauslaufen würde.

Wieso ist dies im Stück nicht der Fall? Dies liegt an der Heteronormativität. Scorpius und Albus sind beide zwei Jungen, weswegen sie nur befreundet bleiben, obwohl es offensichtlich ist, dass mehr der Fall ist. Ein ähnliches Phänomen ist zurzeit auch in der neuen Star Wars Trilogie zu beobachten (siehe Finn und Poe).

Sicherlich könnte argumentiert werden, wieso das Ganze kritisieren, wieso reicht eine implizite Benennung nicht aus? Es reicht nicht aus, weil LGBTQIA Lebensweisen nicht dieselbe gesellschaftliche Akzeptanz besitzen wie die von Menschen, die heterosexuell sind und eine stärkere Thematisierung daher wichtig ist.

Joanne K. Rowling versucht nicht aus den heteronormativen Normen heraus zu brechen. Sie bleibt darin verankert. Sie legt Andeutungen für eine romantische Beziehung, wagt aber nicht den Schritt, ein homosexuelles Paar als Hauptprotagonisten zu etablieren. Dabei wäre es wichtig gewesen zu zeigen, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen denselben Stellenwert wie heterosexuelle Beziehungen besitzen.

Harry Potter and the Cursed Child hätte als Mainstreammedium die fehlende Lücke in der Literatur füllen und damit ein Zeichen setzen können.

Als Folge zieht es viele hin zu Fanfiktion, um ihnen dort ihr verdientes Happy End zu verschaffen.

 „When the Dementors were – inside my head – Severus Snape told me to think of you. You may not have been there Albus, but you were fighting – fighting alongside me.“ (S.227)

kleine Anmerkung von der Zukunfts Nadine: Ich möchte nicht mit meinem Beitrag sagen, dass es einen „Quoten Schwulen“ geben muss. Ich finde nur, wenn man so deutlich queere Figuren andeutet, dann kann man es auch explizit machen, statt es bei implizit zu belassen.

Harry Potter Theater.jpg

 

 

4 Kommentare

  1. Ich finde es auch Schade, dass Rowling diese Chance verpasst und nicht genutzt hat. Fand auch das die beiden mehr verbindet als nur freundschaft, vor allem von Scorpius Seite aus, da gibt es in meinen Augen die offensichtlichsten Andeutungen. Kann auch nicht verstehen, wieso sie das dann überhaupt mit einfließen lässt, wenn sie den letzten Schritt dann nicht geht. Abseits davon war ich vom Theaterstück aber nicht so angetan, weil die Handlung nicht meines war. Ich hatte mir da doch irgendwie mehr erwartet, obwohl mir klar war, dass es keine richtige Fortsetzung ist. Am meisten gestört hat mich das sich viele Figuren komplett „out of Character“ verhalten haben, vor allem Harry, Hermine, aber auch Ron war eher ein Nerv-Faktor im Buch. Das fand ich dann doch sehr schade.

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