Welche Filme darf man noch sehen?

Kurz vor dem Kinostart von „Phantastische Tierwesen 2 – Grindelwalds Verbrechen“ wurde im vergangenen Jahr in den sozialen Netzwerken Boykottaufrufe laut: Wie kann man bitte einen Film mit Johnny Depp schauen, gegen den es den Vorwurf gab, seine Frau geschlagen zu haben? Unterstützt man damit nicht eine verwerfliche, sexistische Tat? Nur was ist mit: Unschuldig bis das Gegenteil bewiesen ist? Es waren Vorwürfe, keine Bewiesenen Tatsachen. Johnny Depp leugnet dies weiterhin und verklagt seine ehemalige Ehefrau, Amber Heard, wegen Verleumdung (Quelle). Aussage gegen Aussage.

Was wäre, wenn die Vorwürfe stimmen, darf man sich „Phantastische Tierwesen“ oder allgemein Filme von Regisseuren*innen oder mit Schauspieler*innen ansehen, die sich nicht moralisch angebracht verhalten?

Für mich stellte sich in dem Moment die Frage, wo beginnt man und wo hört man auf? Der neue „Mission Impossible“ wird begeistert aufgenommen und Tom Cruises waghalsige Stunts hochgelobt. Allerdings ist Tom Cruise eine führende Kraft von Scientology, einer Sekte, die auf widerlichste Art und Weise Menschen manipuliert und ausbeutet. In Bezug auf den Tod von John Travoltas Sohn gab es auch Spekulationen, dass Scientology an dessen Tod nicht unschuldig sei. Wie kann man also mit gutem Gewissen von diesen beiden Menschen Filme schauen? Stanley Kubrik trieb während der Dreharbeiten zu „Shining“ die Schauspielerin Shelley Duvall am Rande eines Nervenzusammenbruchs, so dass ihr die Haare ausfielen. Das dies ein menschenunwürdiges Verhalten ist, muss nicht diskutiert werden. Was ist mit den Filmen, die Harvey Weinstein produziert hat? Ist es angebracht, einen Bogen um die Produktionen zu machen, obwohl darunter etliche großartige Werke wie „Pulp Fiction“, die „Herr der Ringe“- Trilogie, „The King’s Speech“ oder auch „Paddington“ fallen?

Soll man nun vor jedem Film sämtliche Mitwirkende untersuchen? Wer schon Mal während des Abspanns im Kino sitzen geblieben ist, weiß, wie lang die Credits sind. Würde es letztendlich nur auf den*die Regisseur*in hinauslaufen? Aber ist ein Boykott dann überhaupt den anderen Mitwirkenden gegenüber fair, die viel Arbeit in das Projekt investiert haben? Bei einem Roman ist das Ganze noch überschaubar, wenn einem da ein Autor*in nicht zusagt, kauft man von ihm*ihr einfach keine Bücher mehr. Aber bei einem Projekt mit mehr als 100 Menschen?

Ein anderer Aspekt ist die Frage nach der Kunstfreiheit. Sollte die Kunst frei vom Künstler betrachtet werden? Können Roman Polańskis Filme wie „Der Pianist“ als Kunstwerke bezeichnet werden und dennoch seine Taten kritisiert werden? Oder hängen Kunst und Künstler*in zusammen und die Taten revidieren das entstandene Werk? Ist es möglich den*die Künstler*in abzulehnen, dem Werk seinen künstlerischen Gehalt aber zu zusprechen? Ich für meinen Teil finde schon, ich kann zwischen beiden Sachen differenzieren. Nur inwieweit wird dadurch der*die betreffende Künstler*in und dessen Taten unterstützt?

Mittlerweile ist zu beobachten, dass Produktionsfirmen schon vermehrt ihre Darsteller und Darstellerinnen sowie Regisseure und Regisseurinnen unter die Lupe nehmen, ob wegen Sorgen, Geldeinbüßen oder um ihren Ruf zu bewahren, sei mal so hingestellt. Fragwürdige Tweets, die schon Jahre zurückliegen, sind James Gunn zum Verhängnis geworden. Er darf „Guardians oft the Galaxy 3“ nicht drehen. Hier kann man sich fragen, ob Political Correctness nicht überhand nimmt und etwas scheinheilig daher kommt. Spricht man einem Menschen so nicht die Fähigkeit ab, sich persönlich weiterzuentwickeln und wie sieht es mit dem Verhältnis von Taten und Gesagtem aus, dem Verhältnis zwischen Vorwürfen und bewiesenen Tatsachen? Wie kann es sein, dass Tom Cruise weiter in „Mission Impossible“ zu sehen ist, James Gunn aber nicht Regie führen darf, wegen Tweets, die Jahre zurückliegen und für die er sich entschuldigt hat? Wo bleibt hier konsequentes Verhalten?

Am Ende meines Textes komme ich zu keinem abschließenden Fazit. Es ist ein komplexes Thema, bei dem es kein Richtig oder Falsch gibt. Es ist ein Thema, bei dem ich selbst zwiegespalten bin. Ich möchte keinen Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Transfeindlichkeit unterstützen. Ich möchte auch keine Menschen, die dies vertreten, unterstützen. Dennoch sehe ich das Komplexe hinter einem Film, wie viele Menschen hinter dem Produkt stehen und den Unterschied zwischen Künstler und Kunst. Also was ist die Lösung? Ein fader Beigeschmack bleibt auf jeden Fall hängen, wenn ich den Namen Harvey Weinstein in den Credits entdecke.

Jetzt würde mich eure Meinung dazu interessieren: Was sagt ihr dazu? Boykottieren oder die Person vom Werk trennen?
Lasst uns gerne darüber diskutieren.

10 Kommentare

  1. Ich sehe das ganz wie du. Ein Film ist ein Film und sollte nicht anhand einer Person definiert werden. Ich muss auch ganz ehrlich sagen – und ich weiß, dass es jetzt ne ziemlich unbeliebte Meinung ist –, dass ich es affig finde, wenn ich sowas lese. Also dass Leute einen Film im Kino boykottieren, ihn aber gucken möchte, sobald er auf Blu Ray & Co erschienen ist. Das war bei Phantastische Tierwesen und Bohemian Rhapsody ja ganz oft die Aussage und ich finde es einfach nur lächerlich. Zumal es, wie du sagtest, Gerüchte sind. Man weiß nicht, was im Leben fremder Menschen passiert und wenn man sagt, ich boykottiere einen Film wegen eines Schauspielers, weil er eventuell ziemlichen Mist gebaut hat, dürfte man auch in keine Lidlfiliale, in keinen Thalia oder sonstwohin gehen, denn irgendwo wird da in Deutschland sicherlich auch ein Mitarbeiter sein, bei dem hinter verschlossener Tür eventuell etwas falsch läuft, was man nicht unterstützen möchte. Ich hoffe, du weißt, wie ich das meine 🙂
    Alles Liebe
    Janika

    • Exakt! Das ganze könnte man auch weiter spinnen. Was ist mit Kleidern, Handys? Basiert auf Ausbeutung und müsste demnach eigentlich boykottiert werden.
      Nochmal zu Johnny Depp: Wie sich hier die Sache entwickelt hat, sieht man, dass man nicht vorschnell urteilen sollte.
      Was war denn mit Bohemian Rapsody? Das ist an mir vorbei gegangen.
      Einen schönen Sonntag dir!
      Liebe Grüße
      Nadine

      • Ganz genau! Ich finde es einfach übertrieben… Bei Bohemian Rhapsody war Brian Singer eine Weile Produzent und gegen ihn werden Missbrauchsvorwürfe erhoben. Aber es sind eben nur Vorwürfe und ich glaube, im Nachhinein war er am Film nicht mal groß beteiligt. Trotzdem für viele ein Grund den Film zu boykottieren 😅

  2. mllefacette

    Toller Artikel, mit Gedanken, die ich mir auch immer wieder mache.
    Würde man es ernst nehmen mit dem boykottieren, dürfte man wohl gar nichts mehr lesen oder anschauen. Denn jeder hat wohl mal Mist gebaut oder etwas blödes gesagt. Und ich schließe mich da nicht aus. Wir sind alle Menschen. Und wir entwickeln uns. Wir haben alle mal was gesagt, wofür wir uns heute schämen und was wir nie wieder so sagen würden. Jemandem eine Rolle oder einen Job abzusprechen, für etwas, dass er vor Ewigkeiten gesagt hat, halte ich auch für übertrieben. Denn man spricht den Menschen somit ab, dass sie sich ändern, verbessern können. Und wie du schon sagst, diese Doppelmoral: den einen boykottieren, aber Tom Cruise seit Ewigkeiten machen lassen.
    Ich denke auch, dass man Kunst sehr wohl vom Künstler trennen kann. Etwas kann durchaus genial sein, auch wenn der, der es produziert/gestaltet/geschrieben hat, ein Arschloch ist. Es hat dann – wie du auch schon sagtest – leider einen unangenehmen Beigeschmack.

    • Danke für deinen Kommentar und deine Gedanken zu dem Thema! Habe das Gefühl, das dann auch sehr wenig Filme übrig bleiben würden. Kunst ist Kunst, Künstler ist Künstler.
      Alles Liebe
      Nadine

  3. Pingback: #Media Monday 403 mit The Expanse, After Passion und Theaterbesuchen. | Wörter auf Reise

  4. Ich wollte deinen Beitrag schon länger lesen, du weißt ja dass mich das Thema auch beschäftigt. Ich habe da aber eine ganz klare Einstellung zu: Boykott ist da für mich das falsche Mittel. Denn wie du schon geschrieben hast an einem Film sind so viele Menschen beteiligt und es trifft dann auch die falschen. Auch die ganzen Leute, die hinter den Kulissen arbeiten, weitaus weniger verdienen als die großen Stars, haben immerhin einen Ruf zu verlieren und müssen in ihrer Vita Projekte vorweisen, die erfolgreich sind. Gerade in Bezug auf Filmreihen oder Serien haben viele dadurch einen langjährigen Job, der es ihnen ermöglich ihre Familie zu versorgen. Ich habe das Gefühl, dass das gerne vergessen wird. Und die hinter der Kamera können sicherlich nichts für eine Tat, die ein anderer begangen hat, zumal viele der Taten zum Zeitpunkt der Besetzung noch unbekannt waren bzw. es sich im Falle von Jonny Depp um Spekulationen gehandelt hat. Konkret bei diesem Beispiel weiß niemand von uns, was da wirklich gelaufen ist, denn niemand ist dabei gewesen. Auch Amber Heard musste sich schon wegen häuslicher Gewalt verantworten, sie ist da kein unbeschriebenes Blatt. Ich möchte hier beiden nicht vorwerfen das sie lügen, denn es ist einfach noch zu früh, um sich da ein Urteil zu erlauben. Die Schuld werden Gerichte feststellen, bis dahin gilt für beide die unschuldsvermutung und das ist auch gut so. So funktioniert ein Rechtstaat, von der ganzen Vorverurteilung seitens der Medien oder Sozialer Netzwerk halte ich gar nichts.

    Anders sieht es auch wenn eine schwerwiegende Tat bewiesen ist. Dann müssen da natürlich Konsequenzen folgen, zum einen juristisch, zum anderen natürlich auch in Bezug auf den Job. Sprich ein Schauspieler sollte auch nicht mehr gecastet werden bzw. aus laufenden Projekten rausgeschrieben werden. Das passiert dann ja auch. Ich kenne jetzt kein Beispiel, wo das nicht so wäre. Schlimmer finde ich da eher, wenn Schauspieler schon Stellen verlieren ,obwohl noch keine Verurteilung erfolgt ist und überhaupt nicht klar ist, ob an den Anschuldigungen was dran ist. Ich muss da aktuell immer an „One Tree Hill“ denken, wo jetzt über Mark Schwahn rauskamm, das er so viele Schauspielerinnen und Kolleginnen sexuell belästigt hat. Ich finde es gut, dass er jetzt nicht mehr als Showrunner arbeitet, aber trotzdem schaue ich auch weiterhin gerne One Tree Hill, jedoch natürlich mit einem bitteren Beigeschmack. Würde man die Serie nun aber auf eine schwarze Liste setzten, schadet man eher den Schauspielern/innen, denn ich glaube die Stars der Serie würde das definitiv nicht wollen, weil da ja ihr ganzes Herzblut drinnen steckt. Sie gehen alle ja immer noch auf Conventions und da wird deutlich, dass sie trotzdem postivie Gefühle für die Serie hegen und abseits des Negativen auch viele Schöne Momente erlebt haben, aber auch die Fanbase lieben.

    Somit trenne ich in letzter Konsequenz auch Kunst vom Künstler, das heißt natürlich nicht ,dass man das negative Verhalten dann gut findet. Ich gehe damit ja trotzdem reflektiert um, verureile es, aber weiß halt auch, dass an einem Film oder einer Serie so viele Menschen mehr beteiligt sind, die es nicht verdient haben bestraft zu werden.

    Deshalb finde ich es immer etwas schade, wenn andere dann angegriffen werden, wie das bei Fantastische Tierwesen 2 passiert ist. Das ist ein Verhalten, da sich nicht toleriere und wo dann auch eine Grenze überschritten wird.

  5. Pingback: Was geschah… im März 2019 | Wörter auf Reise

  6. Gute Frage, die ich mir anhand von Michael Jackson und Marion Zimmer Bradley seit Monaten stelle.
    Für mich habe ich noch keine abschließende Antwort gefunden, wie ich damit umgehe. Bei Marion Zimmer Bradley würden die Verkäufe nicht mehr ihr zugute kommen, sondern vielleicht sogar ihrer Tochter? Wenn die Verkäufe der (vermeintlichen?) Vergewaltigerin dem Opfer zugute kommen, wäre das ja vielleicht sogar ein Grund, mehr zu kaufen? Ich weiß es nicht genau.

    Aber bei Toten hat es zumindest den Vorteil: Ich unterstütze nicht mehr den Kriminellen, sondern nur noch seine Erben, die teils gemeinnützige Organisationen sind. Ich sage nicht mehr ‚Ja, ich weiß von deinen Verbrechen, aber es ist mir egal‘, ich kann das Werk abgelöst vom Künstler wahrnehmen, weil es den Künstler nicht mehr gibt und ich sein Treiben mit meinem Geld nicht unterstütze oder erst ermögliche.

    Bei Lebenden ist es schwerer. Hier kommt es vor allem auf die Art des Werkes an. Ja, auch bei R. Kellys Musik hängen Musiker im Hintergrund, deren Einkommen vielleicht von den Verkäufen abhängt. Aber bei seiner Musik ist er das alleinige Aushängeschild. Und da reicht mir der Verdacht von Kinderehe unter Zwang und Pädophilie ganz klar, dass ich seine Sachen NICHT kaufe.
    Bei Filmen von Harvey Weinstein hingegen? Naja, die Kameraleute, Statisten, Make-up Artists und Co. werden wohl keine Tantiemen kriegen, sondern schlicht einen einmaligen Lohn kassiert haben. Aber dennoch hängen hier weit mehr Karrieren dran als bei einem Song. Sollte man sie alle für die Taten eines Einzelnen bestrafen? Vor allem, wenn ein paar von ihnen vielleicht sogar seine Opfer sind, also mit einem Boykott doppelt unter dem leiden, was er getan hat?
    Das sind die Sachen, wo ich Werke lieber weiter konsumiere (wobei ich jetzt keinen Weinstein-Titel im Kopf habe, der mir gefällt und den ich tatsächlich konsumieren würde, ich nehme den Fall jetzt nur als Beispiel).

    Und Fantastic Beasts? Puh. Da stört mich Johnny Depp generell. Weil er mittlerweile überall ist und damit jeglichen Reiz verloren hat, egal, ob er jetzt in seiner Ehe Opfer, Täter oder beides war. Und trotzdem werde ich den Film demnächst mal schauen – wegen der Niffler-Babies.
    Es nützt niemandem was, wenn ich es nicht mache. Und FALLS er der Täter ist, kann er von den Tantiemen wenigstens ordentlich Schadenersatz und Schmerzensgeld zahlen. Begeistert bin ich nicht, dass ich für den Film ihn ertragen muss. Aber hier, wo aktuell nicht nur Wort gegen Wort, sondern tatsächlich Gegenbeweise vorliegen, hab ich etwas weniger Bauchgrummeln dabei. Vielleicht macht mich das zum schlechten Menschen. Vielleicht sollte ich seiner Ex glauben, bis er mit Sicherheit als unschuldig gilt. Vielleicht sollte ich ihm glauben, bis seine Schuld mit Sicherheit bewiesen ist, wie es unser Rechtssystem eigentlich vorsieht. Ich bin mir unschlüssig und versuche, ihn so gut es geht zu ignorieren. Aber ich glaub, völlig ohne Bedenken werde ich in solchen Momenten nie sein können. Auch wenn ich damit viele Leute finanziell unterstütze, die NICHTS mit seinen (möglichen) Taten zu tun haben.

    Also … sorry für den Roman als Antwort und danke für das gute Diskussionsthema. Aber … ich fürchte, völlig abschließend und ohne Einzelfallbetrachtung kann man das wohl nicht behandeln.

    LG
    Taaya

  7. Hallo Nadine,

    ich gebe dir Recht, dass das einfach auch ein mega komplexes Thema ist, das auch nicht leicht zu entscheiden ist.
    Einerseits kann ich den Wunsch verstehen, solche Menschen zu boykottieren. Was bei Autor*innen noch einfach ist, finde ich bei Filmen aber durch den auch von dir angesprochenen Punkt schwierig, weil an Filmen eben eine ganze Reihe von Menschen beteiligt sind, die ein solcher Boykott alle träfe.
    Generell finde ich das ziemlich schwierig, gerade wenn ich das künstlerische Werk eigentlich mag. Dad fängt schon bei „Harry Potter“ an. Ich liebe die Reihe, sie ist ein fester Bestandteil meiner Kindheit und sie zu lesen, ist wie nach Hause zu kommen. Aber ich bin mit den Äußerungen und Ansichten und dem Verhalten von J.K. Rowling alles andere als zufrieden und finde sie vielmehr sehr problematisch.

    Im Endeffekt denke ich, dass das Wichtigste ist, dass solche Dinge überhaupt erst mal angesprochen und problematisiert werden, um damit insgesamt einen Wandel anzustoßen. Und wenn das bedeutet, dass solche Schauspieler keine Jobs mehr bekommen, dann ist das vielleicht unter Umständen die beste Lösung.

    Liebe Grüße
    Dana

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