Rezension Frankenstein | Warum sich der Klassiker sich immer noch lohnt

Die damals 18-jährige Mary Shelly erschuf 1816 bei ihrem Aufenthalt in Genf den ikonischen Schauerroman Frankenstein oder auch Der neue Prometheus, der seit seiner Erscheinung am 1.Januar.1818 nichts an seiner Aktualität und Faszination verloren hat, wie seine Bedeutung für die Horror- und Science-Fiction Literatur und die zahlreichen Adaptionen zeigen. Und dabei wurde er zu seiner damaligen Zeit nicht mit Wohltun aufgenommen. Von Stummfilmen im 19. Jahrhundert bis in die 20er wurde der Stoff mehrmals unterschiedlich interpretiert und umgesetzt. 1994 schlüpfte niemand geringeres als Robert de Niro in die Rolle von Frankensteins Monsters, 2016 war es Daniel Radcliffe in der missglückten und sich weit von dem Originalstoff entfernten Verfilmung Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn.

Die Erzählgestaltung

Das Buch beginnt mit den Briefen, der ein Mann namens R. Walton seiner Schwester schreibt, während er sich auf einer Expedition im Hohen Norden befindet. Er wird angetrieben von seinem Wissensdurst. Auf einen seiner Expedition begegnet er dem abgemagerten und jammervoll aussehenden Frankenstein, der ihm, nachdem er wieder zu Kräften gekommen ist, seine Geschichte erzählt, welche verzweifelte Jagd ihn an diesen verlassenen Ort gebracht hat. An diesem Punkt wechselt der Roman in die Ich-Perspektive Frankensteins, der beginnt, über sein Streben nach Wissenschaft zu erzählen, wie er sich nahezu ausschließlich den Naturwissenschaften und unter ihnen ganz besonders der Chemie widmet. Weiter berichtet er von der Erschaffung eines Wesens, das ihm zum Verhängnis geworden ist.

Die Erschaffung des Monsters

Mithilfe von Leichenteilen und Elektrizität vollzieht sich der Prozess, bei dem Mary Shelley weiter sehr vage bleibt, wodurch trotz des wissenschaftlichen Aspekts eine mystische Ebene vorhanden ist. Frankensteins Wesen wird mit einer abgrundtiefen Hässlichkeit beschrieben:

 „Wie geb ich Euch ein treuliches Abbild der Spottgeburt, welche ich mit so viel unendlicher Mühe und Sorgfalt zu formen versucht? Wohl waren die Gliedermaßen in der rechten Proportion und auch die Züge hatte ich dem Kanon der Schönheit nachgebildet. Schönheit! – Allmächtiger! Die gelbliche Haut verdeckte nur notdürftig das Spiel der Muskeln und das Pulsieren der Adern. Das Haupthaar war freilich von schimmernder Schwärze und wallte überreich herab. Auch die Zähne erglänzten so weiß wie die Perlen. Doch standen solche Vortrefflichkeiten im schaurigsten Kontraste zu den wässrigen Augen, welche nahezu von derselben Farbe schienen wie die schmutzig weißen Höhlen, darin sie gebettet waren, sowie zu dem runzligen Antlitz und den schwarzen, aller Modellierung entbehrenden Lippen“ (S.68)

Das „unfreiwillige“ Monster

Von seiner Hässlichkeit abgestoßen, flüchtet Frankenstein und lässt seine Erschaffung allein zurück. Dieser ist es erst nicht möglich, mehr als Laute von sich zu geben. Mit der Zeit lernt er die Sprache der Menschen und er entwickelt sowas wie Gewissen und Seele. In ihm hegt sich das menschliche Bedürfnis nach Liebe und Nähe. Er sucht Menschen auf, er versucht eine Beziehung zu anderen aufzubauen und verhält sich zunächst nicht gewalttätig, sondern zeigt auch hilfsbereite Züge. Jedoch markiert sein Aussehen ihn als ein Monster und lässt alle Menschen in seiner Umgebung von ihm Weichen.

Das Verstoßen, die Einsamkeit, die Bezeichnung als Monster lässt ihn zu einem Monster werden. Frankenstein bereut seine Tat, seinen Übermut, seinen falschen Ehrgeiz Gott zu spielen. Sein Monster ist aus seinem Durst nach Wissenschaft entstanden und als es nicht so wurde wie geplant, hat er das Wesen sich selbst überlassen. Er hasst seine Erschaffung, so wie er sich selbst dafür hasst. In seinem Monster verbindet sich die Wut und Abneigung mit Liebe zu seinem Schöpfer. In manch einer Forschung wird Frankenstein eine Schizophrenie angedichtet, dessen schlechte Seiten durch das Monster symbolisiert werden.

Warum sich der Horrorklassiker immer noch lohnt:

Mary Shelleys Frankenstein hat einen großen Einfluss auf die Horror- und Science-Fiction Literatur genommen und wird oft als Begründer der Sci-Fi Literatur bezeichnet. Die Wahl der Themen ist auch aus heutiger Sicht immer noch aktuell, wie weit darf Forschung gehen? Spannend ist auch, dass Frankenstein selbst nicht der strahlende Held in weißer Rüstung ist und sein Monster nicht nur bösartige Seiten aufweist, wodurch die Geschichte weniger schwarz-weiß ist. Die Geschichte ruft philosophische Fragen auf, wie: War er von Beginn an ein Monster oder hat die Gesellschaft ihn erst zu einem gemacht? Hätte er eine andere Entwicklung genommen, wenn sein Schöpfer sich ihm angenommen hätte? Was genau ist Freiheit und was Menschlichkeit, wenn ein erschaffenes Wesen menschliche Züge hat?

Ein weiterer positiver Punkt ist die Erzählgestaltung, ich mochte die Elemente eines Briefromans mit dem das Buch anfängt und endet, R. Walton gibt Frankensteins Geschichte lediglich wieder, sodass die Frage aufgeworfen wird, ob er auch alles „richtig“ übernommen hat. Ein Kritikpunkt bei älteren Büchern ist die Sprache, doch hier kann ich eine Entwarnung geben, Frankenstein ließ sich in der Übersetzung von Friedrich Polakavics gut lesen und ich für meinen Teil liebte die leicht altmodische Sprache, die zum Flair der Geschichte passte.

5 Kommentare

  1. Das macht Mut, vielleicht traue ich mich jetzt endlich mal ran. ^^
    (Seit meiner Dracula Erfahrung habe ich etwas „Angst“ vor Klassikern.)

    • Wörter auf Reise

      Yeah! Viel Spaß dabei! 🙂

      Oh je ist Dracula nicht so gut? Der wartet bei mir noch im Regal 😀

  2. Huhu,
    ich liebe Frankenstein einfach und finde die Erzählform mehr als gelungen. Und mir gefällt es einfach wie zeitlos der Roman an sich ist, schließlich stellt man sich ja heute noch die Frage wie weit die Wissenschaft gehen darf.
    Von den Verfilmungen habe ich glaube ich noch keine gesehen und wenn überhaupt nur Comicverfilmungen. Aber ich bin eh mehr der Fan von Graphic Noveln/Comicadaptionen und mache meist einen großen Bogen um Filme.
    LG

  3. Ich muss gestehen, ich habe immer so meine liebe Mühe mit Klassikern. Oft ist es einfach die Sprache oder die sperrige Schreibweise, die mich resignieren lässt. Allerdings bin ich doch immer wieder überrascht, wie aktuell und zeitlos die Themen in diesen Büchern sind. Wir Menschen drehen uns wohl immer um die selben grossen Fragen 🙂

    Grüessli, Daniela

  4. Huhu 🙂

    Ich kenne zwar den Klassiker vom Namen her und zahlreiche Adaptionen (meine liebste Adaption ist im Übrigen innerhalb der Fate-Anime-Reihe, bei der Fran(kenstein) ein Mädchen ist). Aber bis jetzt habe ich das Buch selbst eher stiefmütterlich unbeachtet gelassen. Vielleicht sollte ich das Buch auch endlich einmal lesen. Ich bin mir gar nicht sicher, waurm, ich es bis jetzt so gar nicht auf dem Schirm hatte.

    Liebe Grüße
    Lisa

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