Das Spiel mit der Ungewissheit in Pans Labyrinth | Filme

Eine nähere Betrachtung des Films Pans Labyrinth

VON NADINE

Selten ist es einem Regisseur gelungen, einen Film zu schaffen, in dem realistische und fantastische Momente fließend ineinander übergehen, wie Guillermo del Toro in Pans Labyrinth. Bis zum Schluss und darüber hinaus wird der Zuschauer in Ungewissheit gelassen, die Ambivalenz, ob das Geschehen eine reine Traumvorstellung darstellt oder nicht, bleibt aufrechterhalten. In diesem in dunklen Farben gehaltenen Film hat der mexikanische Regisseurintelligent beide Welten miteinander verwogen und Brotkrümel für verschiedene Interpretationen gelegt.

Doch worum geht es überhaupt?

Es ist das Jahr 1944. In Spanien hat das faschistische System gewonnen. Hauptmann Vidal bekämpft ausgehend von einer alten Mühle in der Nähe eines Waldes Aufständische in den Bergen, die sich mit dem Ausgang des Bürgerkriegs nicht abfinden wollen. Dies ist die realistische Rahmenhandlung des Films. Die zehnjährige Ofelia reist mit der Mutter zu dem Hauptmann, ihrem Stiefvater. Dieser ist ein kaltblütiger, brutaler Mann ohne jegliche Gewissenbisse, wie schon am Anfang bei der Ermordung zweier Unschuldige gezeigt wird. Ofelia bekommt von den Vorfällen nichts mit. Sie begegnet einer Fee, die sie zu einem Labyrinth führt. Dort erwacht ein Pan, ein baumartiges Wesen mit langen Haaren und Fingern, zum Leben. Er bezeichnet sie als die zurückgekehrte Prinzessin eines unterirdischen Reiches. Um dorthin zurückzukehren, muss sie sich als würdig erweisen und drei Prüfungen absolvieren…

Neugierig geworden? Dann schaut euch dieses Meisterwerk Pans Labyrinth mit seiner düsteren Atmosphäre, der traurig schönen Musik und den exzellenten Bildern an. Danach kommt ihr wieder und erfährt, welche Argumente sich meines Erachtens für die verschiedenen Interpretationen finden lassen und wie Guillermo del Toro mit realistischen und fantastischen Elementen spielt.

Achtung, ab hier lest ihr auf eigene Spoiler-Gefahr weiter!

Märchen Komponente im Film

„Vor langer, langer Zeit“ und „eines Tages“ sind Angaben, die man aus einem Märchen kennt. Mit diesen Wortlauten beginnt der Film. Ein unbekannter Erzähler berichtet von einer Prinzessin, die aus Neugierde ihr unirdisches Reich verließ und daraufhin verstarb. Der König, ihr Vater, wartet nun auf die Rückkehr ihrer Seele. Die märchenhafte Komponente steht im Gegensatz zu der ansonsten realistischen Zeichnung des Geschehens um den Hauptmann und die Widerstandskämpfer. Es gibt keine Farbunterschiede, die auf einen Wechsel der Welten hinweisen, alles bleibt in düstere Farben gesetzt. Ofelias Prüfungen und somit die fantastischen Elemente werden keineswegs weniger brutal dargestellt als die reale Welt, erschreckend sind beide.

Denken wir nur zurück an Ofelias zweite Prüfung, an das augenlose Monster, das Kinder brutal ermordet, wie kleine Stapel Schuhe in einer Ecke und Bilder an den Wänden zeigen. Als Ofelia verbotenerweise zwei Trauben probiert, erwacht das Monster und setzt die Augen, die auf einem Tablett vor ihm liegen, in seine Handflächen, um so Ofelia folgen zu können. Das Monster steht die Gewalt des Hauptmanns in nichts nach. Der Pan weist hingegen sympathischere Züge auf, wirkt aber dennoch nicht unbedingt vertrauenswürdig. Hinzukommend muss unschuldiges Blut geopfert werden, damit sich das Tor öffnen lässt. Angenehm ist etwas anderes.

Guillermo del Toros Spiel mit Realität & Einbildung

Zusätzlich sind einige Parallelen zwischen beiden Welten vorhanden, die aber nur dem Zuschauer sichtbar sind. Nennenswert ist an dieser Stelle das Symbol des Schlüssels: In der realen Welt überreicht die Hausangestellte Mercedes den Widerstandskämpfern einen Zweitschlüssel, womit diese in den Lagerraum einbrechen können und Ofelia muss in ihrer ersten Prüfung einen Schlüssel aus einer riesigen Kröte hervorholen. Das Ganze ist filmisch großartig umgesetzt, da Ofelias Prüfungen häufig mit Szenen des Hauptmanns unterbrochen werden und beide Welten damit zu verschwimmen erscheinen.

Eine wichtige Frage, die man sich stellt, ist, ob Ofelia sich alles nur eingebildet und sich aufgrund der grausamen Realität in eine Art Traumwelt geflüchtet hat. Hierfür spricht, dass außer Ofelia niemand die Feen oder den Pan je zu Gesicht bekommen hat und in der entscheidenden Schlussszene aus der Sicht des Hauptmanns niemand zu sehen ist. Es gibt aber auch einige Aspekte, die für eine andere Interpretation sprechen und auf die ich nun näher eingehen möchte.

Das Insekt, Fee oder keine Fee?

Zu Beginn des Films begegnet Ofelia einem Insekt, das sich nachher, als sie es mit einer Abbildung aus ihrem Buch vergleicht, in eine Fee verwandelt. Natürlich wäre es möglich anzumerken, dass sich das Tier nur durch ihre Vorstellung verändert hat. Die filmische Umsetzung könnte aber durchaus für eine andere Betrachtung sprechen.

Zum ersten Mal trifft Ofelia auf das Insekt, als sie und ihre Mutter auf der Fahrt zum Hauptmann eine kurze Pause einlegen. Sie setzt einen fehlenden Stein (das Auge) in eine Figur, die sie am Rande des Weges entdeckt. Aus dem Mund der Steinfigur grabbelt ein Insekt. Danach folgt es dem Auto und Ofelia entdeckt es bei ihrer Ankunft wieder. Das Tier „führt“ die Protagonistin zu einem großen Torbogen, dem Eingang des Labyrinths. Hier wird eine Nahaufnahme des Insekts gezeigt, wie es auf dem Torbogen sitzt und in Ofelias Richtung schaut. Möglich wäre demnach, dass es sich um kein normales Tier handelt.

Das Buch und die Alraune

Ofelia hat von dem Pan ein magisches Buch erhalten, auf dessen zunächst leeren Seiten sich ihre Aufgaben bilden. In einer Szene nehmen die Seiten eine rote Farbe an. Bevor Ofelia das Buch schließt, ist ein Schrei zu hören. Als sie daraufhin das Schlafzimmer ihrer Mutter aufsucht, blutet diese. Scheinbar hat das Buch ihr die Zukunft gezeigt. Da es ihrer Mutter schlechter geht, bekommt sie von dem Pan eine Alraune, eine Pflanze, „die davon träumte ein Mensch zu sein“. Diese soll Ofelia in eine Schale Milch legen und jeden Morgen zwei Tropfen Blut dazu geben. Es bewirkt eine plötzliche Verbesserung der Krankheit, für die der Arzt keine logische Erklärung findet. Als der Hauptmann die Alraune entdeckt und Ofelias Mutter sie anschließend verbrennt, geht es ihr schlagartig schlechter und sie verstirbt bei der Geburt des Kindes.

Das Ende von Pans Labyrinth

Gelangt Ofelia als die zurückgekehrte Prinzessin in das unterirdische Reich? Nach dem Schuss des Hauptmanns hält Mercedes sie eindeutig für tot. Allerdings leuchtet der Vollmond am Himmel, während sie in der Mitte des Labyrinths auf den Boden liegt. Ihr Blut tropft herunter und ein helles Licht erscheint. In der nächsten Sequenz befindet sie sich in einem Palast, wo auf riesigen Thronen der König und die Königin sitzen. Der unbekannte Erzähler berichtet, dass sie in das Reich ihres Vaters hinabstieg und dort mit Güte herrschte. Zum Schluss wird der Baum gezeigt, den Ofelia in der ersten Prüfung vor der riesigen Kröte gerettet hatte und an dem jetzt eine Blume blüht. Der Erzähler beschreibt dies als ein Zeichen für ihre Zeit auf Erden.

Stirbt sie letztendlich oder nicht? Del Toro überlässt es dem Rezipienten, wie das Ende zu deuten ist. Er hat genug Beispiele für beide Interpretationen gelegt und offen gelassen, welche Variante die richtige ist, damit die Ambivalenz bestehen bleibt.

Welche Meinung habt ihr zu Pans Labyrinth? Wie hat er euch gefallen und wie steht ihr zu dem Ende? Wir freuen uns auf eure Kommentare. Hier kommt ihr zum letzten Beitrag von uns, in dem Sarah schreibt, warum sie kein „Game of Thrones“ schaut. 

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