Wie viele mittelalterliche Aspekte stecken in der Serie Game of Thrones?

Eine große Faszination scheint von Fantasy Werken auszugehen, betrachtet man die Größe der Fangemeinde von Der Herr der Ringe und die Fülle der erschienenen Werke des Genres. Wie lässt sich der Erfolg erklären? Ist es mehr als die Flucht vor der Realität, die den Büchern (oft ungerechtfertigt) nachgesagt wird? Auffällig ist, dass sowohl im Klassiker Der Herr der Ringe als auch in danach erschienenen Werken, die Handlung aneinen Schauplatz gelegt wurde, der beim Leser eine Assoziation an das Mittelalter hervorruft. Dabei handelt es sich nicht um eine realistische Abbildung des Mittelalters, sondern um ein fiktives, das eine Funktion erfüllt. Es weist Ähnlichkeiten zu der heutigen Welt auf, besitzt jedoch Unterschiede, die es interessant machen und vom Alltäglichen abgrenzen. Fantastische Elemente funktionieren nur durch die Darstellung bekannter Gegebenheiten und benötigen aus diesem Grund ein „realistisches Setting“. Ebenso ist es auch in der HBO Fernsehserie Game of Thrones.

Auch hier ist der Schauplatz in einer mittelalterlichen Welt angesiedelt, in der fantastische Elemente wie Drachen und die mysteriösen weißen Wanderer Einschub finden. George R. R. Martin orientierte sich sowohl an Mythen als auch an realen historischen Ereignissen, die er veränderte und für seine Handlungen und Figuren nutzte. Besonders ließ er sich am englischen Mittelalter inspirieren.

Parallelen

Martin versuchte laut eigenen Angaben ein möglichst realistisches Bild der damaligen Zeit zu zeichnen und das Mittelalter nicht zu idealisieren. Selbst für die Reichen waren die Lebensbedingungen schwierig und Gewalt stand an der Tagesordnung. Jeder kämpfte gegen Jeden und eine Beleidigung blieb selten unbestraft. An Gewalt mangelt es weder der Serie noch der Buchreihe. Köpfe rollen, Körperteile werden abgeschlagen und Frauen vergewaltigt – Dinge, die in einem Krieg gang und gäbe waren. Passend zum Mittelalter sind in Game of Thrones Brandschatzung und Plünderungen die üblichen Methoden der Kriegsführung.

Zwar wird Jamie in einem Schlachtzug von Robb Starks Truppen gefangen genommen und die zweite Staffel endet mit der großen Seeschlacht vom Schwarzwasser, aber abgesehen davon wird hauptsächlich geplündert (okay es gibt noch die beeindruckende Schlacht mit Drogon, aber an der Stelle beziehe ich mich auf die ersten Staffeln). Insbesondere zeigt sich dies an den Überfällen auf Bauernhöfe, ausgeübt von Gregor Clegane, dem Berg, einem Handlanger des Hauses Lennister und seinen Männern. Nicht anders als im Mittelalter leidet das einfache Volk am meisten unter den Kriegen.

Die Darstellung der Frauen

Eine weitere Parallele zum Mittelalter ist, dass die soziale Stellung der Figuren in Game of Thrones mit der Geburt abgesegnet wird und ein Aufstieg in den seltensten Fällen möglich ist. Eine Ausnahme stellt Varys dar, der es als Sklave aus Lys bis in den kleinen Rat geschafft hat. Im Unterschied zu der damaligen Realität stützt sich das Ständesystem in der Serie nicht auf Gott. Allerdings bleibt das Bild der Frau bestehen, die dem Manne unterliegt und für Bündnisse verschiedener Familien herhalten muss, ohne ein Mitspracherecht zu haben. Dies zeigt sich an Catelyn und ihrer Tochter Sansa. Nach dem Tod von Neds Bruder Brandon heiratet sie Ned. Sansa wird erst mit Joffrey verlobt, heiratet dann Tyrion und in der Serie schließlich Ramsay Bolton.

Neben diesen beiden Beispielen kommen auch starke Frauenfiguren vor. Brienne von Tarth weigert sich einen Mann zu heiraten und möchte stattdessen als Ritter ernst genommen werden. Arya Stark lässt sich von niemanden, auch von keinem Mann, etwas sagen und genoss eine Ausbildung als Assassine. Asha Graufreud verlor trotz ihrer Durchsetzungskraft in der männerdominierten Welt der Eisenmänner gegen ihren Onkel beim Königsthing.

Gottesurteil im Mittelalter & in Game of Thrones

Daneben gibt es einige direkte historische Anknüpfungspunkte in Game of Thrones. In der ersten Staffel konnte Tyrion seine Hinrichtung auf Hohenehr entgehen, indem er ein Götterurteil einberief. Catelyn wollte ihn tot sehen, weil sie fälschlicherweise dachte, er habe ein Attentat auf ihren Sohn Bran in Auftrag gegeben. Der Söldner Bronn kämpfte schließlich für den Zwerg und gewann – Tyrion war somit freigesprochen. Als er nach Joffreys Tod wieder angeklagt wird, fordert er erneut ein Götterurteil. Dieses Mal tritt Bronn nicht für ihn ein. Dafür aber Oberyn Martell, der eine Fehde mit dem Berg hat, letztendlich aber verliert. Tyrion wird für schuldig gesprochen. Ein Gottesurteil war auch im Mittelalter ein gültiges Beweismittel, um die Schuld einer Person zu ermitteln, da davon ausgegangen wurde, dass Gott die Person, die im Recht ist, beschützen würde. Im 15. Jahrhundert in England und in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankreich verlor der Zweikampf an Bedeutung.

Das Gastrecht

Neben dem Gottesurteil gab es im Mittelalter auch das Gastrecht. Es war eine zentrale Pflicht, die das menschlichen Zusammenleben bestimmt hat. In Westeros hatte das Gastrecht eine heilige Tradition. Diese wurde in Game of Thrones zutiefst missachtet und sorgte für eine der dramatischsten Momente der gesammelten Staffeln. Die Rede ist von der Roten Hochzeit. Walder Frey war wütend auf Robb, weil er nicht sein Versprechen eingehalten hatte, eine seiner Töchter zu heiraten. Dies war die Bedingung, damit Robb über die Zwillinge (eine Flussüberquerung aus zwei Burgen) in den Süden reisen konnte, um gegen die Lennister zu kämpfen. Verbotenerweise heiratete er eine andere Frau, was zu seinem Verhängnis wurde (in der Serie Talisa aus Liebe, in der Buchreihe Jeyne Westerling mehr aus ehrenhaften Gründen).

Auf der Vermählung zwischen Edmure Tully und Roslin Frey wurden Robb und sein Gefolge brutal ermordet und das, obwohl sie unter dem Gastrecht standen. Der Hinterhalt war eine von den Lannistern in Zusammenarbeit mit den Freys und Boltons geplante Tat, um die Stärke des Hauses Starks einzudämmen, das zu einer Gefahr für sie wurde.

Historische Bezüge

Die Rote Hochzeit basiert auf zwei historischen Vorbildern. Zum einen wäre das „Black Dinner“ zu nennen. Im Jahre 1440, kurz vor den Rosenkriegen, wurde Schottland von dem zehnjährigen König Jakob II. regiert. Ähnlich wie Aegon nach dem Tanz der Drachen war er nur noch eine Marionette. An seiner Stelle herrschten seine Berater über das Land. Wie Tywin Lennister, der das Massaker der Roten Hochzeit in Auftrag gab und im Hintergrund die Fäden zog, wollten die Berater des Königs Jakob II. die wachsende Macht des Douglas Clan unterbinden. Der sechste Earl of Douglas und sein kleiner Bruder wurden zu einem Festessen eingeladen. Dieses fand im Edinburgh Castle statt, wo ihnen ein schwarzer Stier serviert wurde – ein Symbol für ihren baldigen Tod. Anschließend wurden sie auf den Castle Hill verschleppt und enthauptet.

Das Massaker von Glancoe

Der zweite historische Bezug ist das Massaker von Glanoce, bei welchem 1692 der Brauch der Gastfreundschaft in den schottischen Highlands missachtet wurde. Soldaten des Clans Campbell ermordeten ihre Gastgeber. 38 Männer des Clans MacDonnald verstarben, 40 Frauen und Kinder ebenfalls wenig später an Unterkühlung, als sie in die schottischen Hochlanden getrieben wurden. Der Befehl, den Clan MacDonald auszulöschen, kam von niemand geringerem als dem damaligen König William III. Der Clan MacDonald gehörte den Jakobitern an, die mit seiner Herrschaft nicht einverstanden waren und im Land plünderten. König William III. bot den Aufständischen Straferlass an. Jedoch kamen die MacDonnalds erst deutlich nach Fristende, was ihren Untergang bedeuten sollte.

George R.R. Martin ließ sich von der Geschichte Englands inspirieren. Die Ähnlichkeiten werden mit einem Blick auf die Karte Westeros noch um einiges deutlicher. Die Form ist ein Abbild Englands. Bevor im 19. Jahrhundert Alfred der Große die einzelnen Gebiete zu einem Land vereinigte, bestand es wie Westeros aus sieben „Königslanden“ (Wessex, Sussex, Essex, Kent, East Anglia, Mercia und Northumbria).

Die Rosenkriege

Das 15. Jahrhundert war für das damalige England eine blutige Zeit. 30 Jahre dauerten die Rosenkriege an. Es waren Kriege um die Herrschaft, ausgetragen von den Yorks und den Lancastern. Die Namen der Parteien weisen Ähnlichkeiten mit den Häusern Stark und Lennistern auf. Daneben gibt es Parallelen zwischen dem König Heinrich VI. aus dem Hause Lancaster und dem irren König Aeris II., Daenerys Vater. Beiden wurde nachgesagt, dass sie verrückt seien. Im Jahre 1455 gewann das Haus York die Schlacht von St. Albans und Heinrich VI. wurde festgenommen. Die sechs Monate andauernde Gefangenschaft wirkte sich auf seinen schon zuvor angeschlagenen Verstand nicht positiv aus. In der Vorgeschichte von Game of Thrones wurde Aerys II. in Dämmertal zu einem Verhandlungsgespräch eingeladen. Dies stellte sich als eine Falle heraus und endete in einer Gefangenschaft.

In Westeros wird in der ersten Staffel zunächst davon ausgegangen, dass alle Targaryens im Auftrag von Robert Baratheon ermordet wurden. Gleichermaßen schienen im Jahre 1480 die Lancaster ausgerottet. Das war nicht der Fall. Heinrich VII., ein Nachfahrer von Edward III., lebte in der Bretagne. Seine Mutter war mit ihm aufgrund der Fehde mit dem Hause York dorthin geflüchtet. Wie Daenerys hatte er bis zu seinem Eroberungsfeldzug sein Heimatland nicht mit eigenen Augen gesehen und schaffte es dennoch eine große Truppe um sich zu scharen, über die Meerenge zu segeln und den Thron für sich zu gewinnen (ob Daenerys dies schafft, ist noch unklar).

Bezüge zu historischen Persönlichkeiten

Heinrich VII. heiratete schließlich Anne Boleyn aus dem Hause York und die Rosenkriege fanden ihr Ende. Margaery Tyrell weist Charakterzüge auf, die an Anne Boleyn erinnern. Beide sind willensstarke Frauen, die es schafften, ihre Ehemänner zu beeinflussen. Margaery konnte großen Einfluss auf den König Tommen nehmen und Anne Boleyn auf Heinrich VII. Durch sie wandte er sich von der Römisch-Katholischen Kirche ab und gründet die Church of England. Die Anschuldigung von Cersei, Margaery habe Ehebruch begannen und mit mehreren Männern geschlafen, passt zur einer ähnlich misslichen Lage von Anne Boleyn. Ihr wurde eine sexuelle Beziehung mit einem Musikanten nachgesagt, der unter Folter (wie der Blaue Barde in Game of Thrones) die Tat gestand und weitere Liebhaber nannte.

Ein historisches Vorbild für die Figur der intriganten Cersei ist Margaret von Anjou, die Gemahlin Heinrichs VI. Im Gegensatz zu Cersei konnte sie aber nicht ihre Macht durchsetzen und die Krone erlangen. Als der König erkrankte, wurde der Duke of York unter dem Titel „Protektor“ für den Zeitraum Regent. Jahrelang kämpfte sie gegen die Yorks, um den Thron für ihren Mann und ihren Sohn zurückzugewinnen. Dafür brauchte sie zehn Jahre und die Hilfe des Königsmachers, den Earl of Warwick.

Fazit

Wie ihr sehen konntet, liegen eine Menge mittelalterliche Bezüge in Game of Thrones vor. G. R. R. Martin kopiert nicht – Nein, er wandelt die historischen Gegebenheiten um, verändert sie für seine Handlung. Besonders das englische Mittelalter stellte eine Inspirationsquelle für seine fantastische Welt dar. Eine wichtige Rolle spielen die Rosenkriege in England, deren Machtkämpfe sich im Tanz der Drachen, den Konflikten zwischen Stark und Lennistern sowie in Daenerys Eroberung widerspiegeln. Somit entsteht zwar kein realistisches Abbild des Mittelalters, dafür aber eins mit realistischen Zügen. Und sind es nicht gerade die politischen Machtkämpfe gepaart mit einer Prise fantastischer Elemente, die die Faszination der Serie ausmachen?

Falls euch die Thematik des Beitrags näher interessiert, kann ich euch das Werk Winter is coming: Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones von Carolyne Larrington empfehlen, in dem die historischen Bezüge detailreich erläutert werden. 

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