Leben auf dem Dorf vs. in der Stadt | Kolumne

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20 Jahre meines Lebens habe ich auf einem Dorf verbracht. Lauter grüner Flächen, Wälder und weitere Dörfer wohin man sieht. Für mein Studium bin ich dann in eine Stadt gezogen, in der ich mittlerweile seit dreieinhalb Jahren lebe. Ich habe somit Vor- und Nachteile beider Seiten erlebt und habe noch einige Freunde, die in der Heimat geblieben sind. Als mir daher diese Woche Tweets in meine Twitter Timeline unter dem Hashtag #Dorfkinder gespült wurden, war ich zutiefst entsetzt. Die Kampagne von Julia Klöckner zu kritisieren ist die eine Sache, eine andere ist, zu pauschalisieren und Menschen zu beleidigen. So hieß es in einigen Tweets, dass Menschen auf dem Land alle alkoholsüchtige, sexistische, homophobe Nazis sind. Erschreckend fand ich, dass solche Stimmen auch von zertifizierten Accounts kamen. Mit der steigenden Anzahl an Follower*innen steigt die Verantwortung. Menschen im öffentlichen Leben haben eine Vorbildsfunktion und sollten diese nicht missbrauchen. Pauschalisierungen sind gefährlich, man kann nicht alle unter einem Kamm scherren, ebenso gehen schwarz-weiß Malereien nicht. Alle guten Menschen leben in der Stadt, alle schlechten auf dem Dorf? Das ist schlicht und einfach nicht wahr. Überall gibt es solche und solche Menschen und oft haben Dinge mehrere Seiten, wie auch das Leben auf dem Land. In diesem Beitrag möchte ich euch Vor- und Nachteile  vorstellen, die selbstverständlich auf persönlichen Erfahrungen beruhen und wo ich Handlungsbedarf seitens der Politik sehe.

Jeder kennt jeden vs. Anonymität

Auf den Dorf kennt man sich. Wenn man auch nicht mit jeder Person persönlich etwas zu tun hat, man weiß, wer in den Häusern im Umkreis wohnt und häufig auch, wer in den angrenzenden Dörfern. Das kann Vor- und Nachteile haben. In der Heimat bin ich von beiden Seiten von Verwandten umgeben. Hatte ich als Kind mal meinen Schlüssel vergessen, konnte ich nebenan bei meinen Großeltern klingeln. Wenn meine Eltern nicht da waren, wusste ich, zu wem ich gehe. Wenn ich den Bus verpasst habe oder nicht weg kam, weil kein Bus in mein Dorf fuhr, hat mein Opa mich abgeholt. Meine anderen Großeltern wohnen ebenfalls nicht weit weg und so konnte ich auch sie häufig besuchen.

Wenn man unterwegs spazieren geht, grüßt man sich. Auf der anderen Seite wird oft getratscht und aus eigenen Erfahrungen stimmt dieses Vorurteil. Ich könnte hier lauter Storys von Freunden einfügen. Was über sie teilwiese erzählt wurde, da kann man nur den Kopf schütteln. In der Stadt hingegen herrscht Anonymität. Wer jetzt neben an wohnt? Ich habe keine Ahnung und teilweise finde ich es schade, teilweise begrüße ich die Anonymität. In einer Stadt leben vielmehr Menschen auf einem Haufen, Mehrfamilienhäuser statt eigene kleine Häuser. Und nach meinem ganzen Theater zurzeit mit meinem Vermieter weiß ich, wie vorteilhaft es ist, die Herrin im eigenen Haus zu sein.

Natur vs. Graue Hausfronten

Ich liebe es, Fahrrad und Inliner zufahren und Spazieren zugehen. In meiner Kindheit haben wir einige Fahrradtouren unternommen und auch heute werden bei mir Glückshormone freigesetzt, wenn ich auf dem Fahrrad durch den Wald sause. Statt dem Grau der Stadt strahlt hier das Grün der Bäume (wenn sie nicht gerade vom Borkenkäfer befallen wurden). Natur ist für mich ein großer Pluspunkt für das Leben auf dem Land. Ein Spaziergang durch den Wald kann sehr befreiend sein. Als Kind habe ich draußen mit einer ehemaligen Freundin auf dem Bauernhof in Matsch und Dreck gespielt. Wenn es geschneit ist, sind wir mit Schlitten und Reifen die Wiese herunter rutscht. Das waren schöne Seiten meiner Kindheit.

Auto vs. Öffentliche Verkehrsmittel

Weniger schön hingegen war die Busfahrt von der Schule in der nächsten Stadt nach Hause. Eine Stunde Busfahrt durch sämtliche Dörfer und dann noch einmal Umsteigen, weil der Bus nicht in mein Dorf fuhr. Öffentliche Nahverkehr ist ein Problem auf dem Land. Oft wird gesagt, wie schlecht Autofahren für die Umwelt ist und das man mehr Bus und Bahn nehmen sollte, nur wie, wenn es nicht möglich ist? In Wuppertal habe ich kein Auto, ich bin immer mit dem ÖPNV unterwegs, aber auf dem Land? Hier fährt nichts. Hier sollte man statt mit mehr Steuern zu kommen, besser die Infrastruktur ausbauen. Die Park and Ride Parkplätze an den Bahnhöfen sind voll, der Wunsch ist da, nun muss die Politik endlich handeln.

Wie froh war ich da, als ich mit 18 ein Auto bekommen habe – Freiheit! Ich hatte zwar Glück, dass meine Mutter kein Problem hatte mich zu Freunden zu fahren und dennoch ist es etwas ganz anderes, nicht erst fragen zu müssen und nach der Schule nur noch 20 Minuten nach Hause zu brauchen. Auf einmal hatte ich so viel vom Tag! Nun konnte ich auch noch spät abends ins Kino fahren! Und Kino – da kommen wir zum nächsten Punkt.

Kulturelle Vielfallt

Programmkinos gab es bei mir in der Heimat nicht, dafür muss man nach Köln fahren. Im Cinestar und Cindeom in den Städten in der Nähe (30-40 Minuten Fahrt) konnte man die großen Blockbuster sehen, aber kleinere Filme? Fehlanzeige. Das beste in der Stadt ist daher für mich ohne Zweifel die Auswahl an Kinos. Potrait einer jungen Frau in Flammen hätte ich damals nicht ohne eine ewig lange Anfahrt sehen können. Die Kulturauswahl in der Stadt ist größer, wobei man hier anmerken muss, dass auch auf dem Land einiges getan wird. Dort gibt es kleinere Theater und die Dörfer versuchen mit Musikfesten, Weihnachtsmärkten und sonstigen Veranstaltungen den Menschen etwas zu bieten. Das führt mich zum nächsten Vorurteil: Die Sache mit den Dorffesten.

Alkoholkonsum auf dem Dorf

Oft las ich auf Twitter, dass Menschen auf dem Dorf nur Saufen würden und mit 14 ihre erste Alkoholvergiftung haben – erneut eine große Pauschalisierung. Das erste Bier habe ich mit 16 getrunken und es gab im Jahr genau zwei Feste, an denen ich mit Freunden mal ein wenig Alkohol konsumiert habe: Karneval und Pfingsten. Da hat mich meine Mutter auch nachts abgeholt, aber ansonsten? Tja, der fehlende Öffentliche Nahverkehr hat auch einen Vorteil: Ich musste fahren und somit ging trinken nicht. Ich habe daher kaum Alkohol in der Jugend getrunken. Anfang des Studiums kam das hingegen öfter mal vor, weil ich hier nicht fahren musste. Und ja, es gibt auf der anderen Seite auch Schützenfeste, wo Unmengen an Bier fließt, nur wie sieht es mit dem Oktoberfest aus? München ist glaub ich kein Dorf und mir kann niemand erzählen, dass alle Jugendliche in der Stadt brav keinen Alkohol zu sich nehmen.

Breitbandversorgung

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie lange es bei uns in der Gemeinde gedauert hat und es gibt immer noch einige Dörfer ohne Wlan, in denen man auch mit Datenvolum nicht weit kommt. Die versprochene Watt Zahl haben wir zuhause zwar nicht erreicht, dafür ist es jetzt zumindest so viel, dass wir ohne Probleme Streamen können, was früher ein Ding der Unmöglichkeit war.

Konservatives Dorf, Tolerante Stadt?

Die Dörfer sind von Nazis eingenommen! Diese Aussage konnte man einigen Tweets entnehmen. Demnach herrscht auf dem Land eine Invasion von Nazis und die Städte sind komplett frei von ihnen. Was für ein Bullshit. Ich bestreite nicht, dass es Stammtischparolen à la „Das wird man doch noch sagen dürfen“ gibt – doch davon ist die Stadt auch nicht frei. Dörfer sind vielleicht oft konservativer, nur von wem wird die CDU hauptsächlich gewählt? Von der älteren Bevölkerung. Und welche Bevölkerungsschicht ist zu einem großen Teil auf dem Land zu finden? Dass das Bevölkerungsbild in der Stadt diverser ist, liegt daran, dass das Land für viele nicht attraktiv ist, doch dazu unten mehr.

Ebenso sind nicht alle Menschen auf dem Dorf homophob. Ich kenne einige aus meinem Umfeld die offen homosexuell sind und die nicht in Angst vor einer Nazi Keule leben müssen. Arschlöcher gibt es überall, egal wo, egal in welcher Gesellschaftsschicht. Ein Pluspunkt für die Stadt ist allerdings das Angebot für queere Menschen, dass mit queeren Cafés und Partys größer ist. In diesem Aspekt gibt es auf dem Land Nachholbedarf.

Vegetarisch? Gibt´s auf dem Land nicht

Vegetarische und vegane Auswahl ist in der Stadt deutlich höher. In Wuppertal habe ich viele Möglichkeiten auch unterwegs vegan zu essen. Auf dem Land hingegen gestaltet es sich  schwieriger. Meine Großeltern hatten früher einen eigenen Bauernhof, haben selbst geschlachtet. Doch auf dem Land verändert sich das Verständnis ebenfalls. Es vollzieht sich vielleicht etwas langsamer, nur werde ich mittlerweile auch in Restaurants mit „klassisch deutscher Küche“ fündig bei vegetarischen Gerichten.

Das Land wird abgehangen?

Freibäder schließen, Ärzte gehen in die Rente und Nachfolger zu finden gestaltet sich als schwierig. Die Städte scheinen attraktiver zu sein und ziehen insbesondere junge Leute an. Die Politik darf nicht weiter das Land vergessen. Es bedarf einen Breitbandausbau, eine flächendeckende Gesundheitsversorgung und mehr bzw. überhaupt Öffentliche Verkehrsmittel. Wenn dies gegeben wäre, würden viel mehr Menschen dazu neigen, aufs Land zu ziehen, besonders da die Mietpreise in der Stadt ansteigen.

Zum Abschluss möchte ich sagen, wie schade ich es finde, dass scheinbar keine Diskussionskultur mehr möglich ist, vor allem nicht auf Social Media. Ich frage mich auch, wo das Ziel von Beleidigungen liegt. Es führt nur zu einer Abwehrhaltung, weil sich Menschen verständlicherweise angegriffen fühlen. Weiter trägt es zu einer Spaltung in der Gesellschaft bei, die niemanden hilft, am wenigsten ändert es etwas an den Problemen, die dadurch aus dem Blick geraten.

Wie sieht ihr es? Lasst mir gerne einen Kommentar dar, ich bin auf eure Meinung gespannt.

Hier kommt ihr zu meinem letzten Beitrag, wo ich euch Gründe zum Lesen der unendlichen Geschichte nenne.

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