Die Magie von Filmenden

Ein interessanter Anfang, ein spannender Handlungsverlauf und dann kommt der Film zu keinem gelungenen Abschluss. Die Tonalität hat sich verändert oder die Auflösung passt nicht, die Möglichkeiten können vielfältig sein. Egal wie gut der Film zuvor war, es bleibt für immer ein fader Beigeschmack hängen. Daher sind die letzte halbe Stunde, die letzten Minuten besonders wichtig. Sie bestimmen die Bandbreite der Emotionen: Glück, Freude, Fassungslosigkeit? Mit welchen Emotionen verlässt der*die Zuschauer*in den Kinosaal?

Einige Filmenden sind bei mir besonders stark in Erinnerung geblieben. Wenn ich an die Filme zurück denke, verbinde ich sie oft sofort mit dieser einen Szene. Zwar handelt es sich bei meinen drei ausgewählten Beispielen in zwei Fällen um Klassiker, doch da ich trotzdem nicht erwarten kann, dass sie von allen gesehen wurden, gibt es zunächst einen allgemeinen Teil, bevor ich im Anschluss daran die Szene besprechen werde. Bilder konnte ich aus Datenschutzgründen leider nicht verwenden, daher habe ich die Trailers eingefügt, damit ihr einen Eindruck von den Filmen bekommt.

Blade Runner

Als ich Ridley Scotts Blade Runner aus dem Jahr 1982 zum ersten Mal gesehen habe, war mir das Erzähltempo zu langsam. Ich habe mich gelangweilt und irgendwie konnte mich die Handlung nicht packen. Knapp ein Jahr später habe ich dem Film eine zweite Chance gegeben – zum Glück. Mittlerweile fand ich das Erzähltempo genau richtig, die Story faszinierte mich und ich habe mich in die Bilder und in die Musik des griechischen Komponisten Vangelis verliebt. Viel Dialog gibt es nicht, stattdessen lässt Scott Bilder und Musik sprechen, die eine Sogwirkung entfalten (wenn man sich drauf einlässt).

Im Stil des Cyberpunks ist das gezeichnete Bild der Zukunft düster. Ein verseuchter Dauerregen fällt stetig auf Los Angeles im Jahr 2019 (!) nieder. Die Stadt ist mit Menschen überfüllt und Tiere sind ausgestorben, es gibt nur noch künstliche Version von ihnen. Um Leben auf fremden Planeten zu erschaffen, dienen Replikanten als Sklaven. Sie sehen wie Menschen aus, sind ihnen aber in ihrer Intelligenz und Kraft überlegen. Dafür haben sie eine begrenzte Lebensdauer von lediglich vier Jahren. Als Replikanten der Nexus-6 Generation ein Raumschiff kapern und auf die Erde fliehen, soll Blade Runner Rick Deckard (Harrison Ford) sie ausschalten.

Überbevölkerung, Klimawandel, Sklaverei, Aussterben von Tieren, immer neue ausgefeilte Technik und omnipräsente Werbung – so weit hergeholt ist das Zukunftsbild, wie so oft in Dystopien, leider nicht. Gerade die philosophische Frage, was eigentlich den Menschen zum Menschen macht, nimmt in dem Film eine spannende Dimension ein, besonders im Hinblick auf eine großartige Szene, auf die ich jetzt näher eingehen möchte. Ab hier lauern Spoiler, falls ihr ihr den Film noch nicht gesehen habt, müsst ihr jetzt ein wenig runterscrollen oder euch vorher den Trailer zum zweiten Teil anschauen, um die Pracht der Bilder zu genießen.

„All those moments will lost in time like tears in rain.“

Nach einem harten Kampf mit seinem übermächtigen Gegner, umklammert sich Rick Deckard verzweifelt an einem Balken eines Hochhauses. Über ihn ragt der Replikant Roy, eine Mischung aus Blut und Regen läuft ihm das Gesicht herunter. Ausdruckslos sagt er: „Quite an experience to live in fear, isn’t it? That’s what it is to be a slave.“
Mittlerweile ist Deckhard am Ende seiner Kräfte angelangt, nur noch mit einer Hand hängt er an dem Balken. Schadenfreudig lächelt Roy ihm zu, doch statt Deckhard in den Abgrund stürzen zu lassen, packt er ihn und zieht ihn auf das Dach. Er zieht ihn mit der Hand hoch, aus der immer noch ein Nagel ragt, den er sich im Kampf mit Deckhard eingefangen hat. Er setzt seinen legendären Monolog an, bevor er stirbt und eine weiße Taube, die er zuvor umklammert hatte, in den düsteren Nachthimmel entschwindet.

Der Bösewicht, der Antagonist des Films, ist kein menschliches Wesen, sondern ein Roboter und rettet Deckhard das Leben, der alles daran gesetzt hat ihn umzubringen. Obwohl er ihn an Kraft überlegen war, sich im Vorteil befand, lässt er ihn nicht sterben. Er weiß, dass seine eigene Zeit gekommen ist und zeigt Deckhard gegenüber Gnade. In diesem Moment verhält er sich „menschlicher als der Mensch“. Was sagt das über das Verhältnis von Mensch und Maschine aus? Ist ein Replikant, der Mitgefühl zeigt und aus eigenem Willen handelt, noch eine Maschine? Zwar sind auch Tiere zu Mitgefühl fähig, aber wie sieht es mit Robotern aus, programmierten Wesen? Roy und auch die anderen Replikanten wurden von dem Wunsch angetrieben, keine Sklaven mehr zu sein, frei zu sein und zu leben – ist dies nicht ein menschlicher Wunsch?
Neben der philosophischen Dimension wird auch das Held-Antagonist-Konzept aufgelöst. Der eigentliche Antagonist rettet dem bisherigen Helden das Leben. Dadurch stehen Deckhards eigene Taten in einem anderen Licht: War es angebracht, die Replikanten umzubringen, da sie ja „nur“ Maschinen sind oder war es eine moralisch fragwürdige Tat? Darüber ließe sich lange diskutieren, doch kommen wir nun zum zweiten Film.

La La Land

Von den Kritiker*innen hochgelobt, vom Publikum gemischt aufgenommen: La La Land. In malerischen Bildern erzählt Damien Chazelle eine anfangs klassisch klingende Hollywood Geschichte: Zwei Menschen, die in Los Angeles wohnen und danach streben, ihren Traum zu verwirklichen. Mia (Emma Stone) möchte eine erfolgreiche Schauspielerin sein. Um das zu erreichen, besucht sie sämtliche Castings und geht auf Partys, in der Hoffnung dort entdeckt zu werden. Sebastian (Ryan Gosling) ist gelangweilt davon in Restaurants als Hintergrundmusik Klavier zu spielen. Er möchte Jazz Musik machen und einen Jazz-Club eröffnen. Nachdem Mia und Sebastian zweimal auf einander treffen, kommen sie sich schließlich näher und werden ein Paar.

Untermalt wird ihre Geschichte mit eindringlichen Musicalnummern, die nicht mehr das Ohr verlassen möchten. Noch lange nach dem Kinobesuch lief der Soundrack bei mir rauf und runter. Emma Stone und Ryan Gosling sind nicht die perfektesten Sänger*innen auf dem Planten und gerade das gibt dem Film seine Authentizität, zu der auch die Chemie beider Darsteller beiträgt. Hinzukommend möchte man sich die Bilder bzw. die Filmszenen in seinem Zimmer aufhängen. Die Farben sind kräftig und obwohl an realen Schauplätzen gedreht wurde, haftet ihnen stets etwas Surreales an. Wieso ich den Film nicht nur gut, sondern großartig finde, liegt an der wunderschön inszenierten, bittersüßen Endsequenz. Auch an dieser Stelle spreche ich eine Spoiler Warnung aus, wenn ihr La La Land noch nicht gesehen habt, scrollt lieber zum nächsten Film runter.

And here’s to the fools who dream, Crazy as they may seem.

Oft enden Liebesfilme bzw. Filme, in denen eine Liebesgeschichte im Vordergrund steht, mit einem kitschigen Ende, meist einem Happy End, anders La La Land. Dennoch lässt der Film die Zuschauer*innen nicht traurig zurück, denn in gewisser Weise kommen sie doch zusammen, in einem Was-Wäre-Wenn-Szenario, in einer kurzem Traumvorstellung.

Als Mia mit ihrem Ehemann einen Jazz-Club besucht, gehört dieser niemanden anderen als Sebastian. Er sitzt spielend am Klavier. Die Kamera zoomt auf ihn zu, der Hintergrund verblasst, verdunkelt sich, bis nur er zu sehen ist. Dann schwenkt die Kamera zu Mia, bis sich der Hintergrund wieder verdunkelt. Als zurück zu Sebastian geschwenkt wird, befinden sie sich wieder in dem Restaurant, wo sie sich zum zweiten Mal begegnet sind.  Im Schnelldurchgang durchlaufen sie ihre Beziehung mit kleinen Änderungen. Statt mit Keith (John Legend) auf Tour zu gehen, bleibt Sebastian bei Mia. Er ist da, als sie ihre erstes eigenes Theaterstück vorführt, sie bekommt mit ihm ein Kind und sie sitzen schließlich zusammen in dem Jazz Club, während jemand Fremdes spielt. Nachdem sie sich küssen, ist der Zauber vorbei. Sebastian ist wieder auf der Bühne, Mia sitzt unten neben ihren Mann. Bevor sie aber den Raum verlässt, dreht sie sich zu ihm um und beide lächeln sich an.

Nicht immer bleiben zwei Personen für immer zusammen, so ist das Leben. Damien Chazelle zeichnet ein realistisches Ende auf eine fantastische Art und Weise. Er durchspielt ein Was-wäre-wenn-Szenario. Was wenn Sebastian bei Mias Theaterstück dagewesen wäre, wären sie dann zusammen? Vielleicht. Allerdings lassen sich diese Szenarios nur in der Vorstellung durchspielen und das passiert in La La Land. Es zeigt eine Variante, in der sie zusammen kommen. Obwohl dies in der „Realität“ nicht der Fall ist, endet der Film nicht traurig, was an dem letzten Lächeln der beiden liegt. Sie hatten eine schöne Zeit zusammen, sind im Guten auseinander gegangen und haben jeweils ihren Traum verwirklicht.

Gran Torino

Der Film beginnt damit, dass Walt Kowalski (Clint Eastwood) seine Frau beerdigt. Er lebt alleine in einer Vorstadtsiedlung von Detroit, hat kein gutes Verhältnis zu seinem Sohn, ist rassistisch und bezeichnet seine neu hinzugezogenen asiatischen Nachbarn abfällig als Schlitzaugen. Der Nachbarsjunge Theo hat wenig Selbstbewusstsein und soll als Bewährungsprobe, um in die Gang seines Cousins aufgenommen zu werden, Kowalskis Ford Gran Torino Sport aus den 1972ern Jahre stehlen. Dabei wird er von diesem erwischt und mit seinem Gewehr verjagt. Als seine Familie davon erfährt, möchten sie, dass er seine Schulden, die er sich durch die Tat aufgelegt hat, bei ihm abarbeitet. Erst ist er nicht davon begeistert, doch mit der Zeit Freunden sie sich an.

Der von und mit Clint Eastwood gedrehte Film Gran Torino erzählt die Wandlung eines patriotischen ehemaligen Kriegsveteranen. Abgeneigt gegenüber allem, was nicht typisch amerikanisch ist (das sein Sohn ein japanisches Auto fährt, ist eine Schande für ihn), und vollgestopft mit rassistischen Vorurteilen, wird er ungewollt zum Helden, als er Theo vor der Gang beschützt. Durch seine Freundschaft zu ihm, kristallisieren sich Gefühle aus seiner harten Schale heraus. Ihm wird der Junge wichtig, auch wenn er es sich selbst erst nicht eingestehen möchte. Gefühle? Ängste? Darüber redet man doch nicht, so ist seine Devise. Dennoch wird er zu einem Vorbild von ihm, verschafft ihm an eine Stelle im Bau und schenkt ihm sein eigenes Werkzeug. Er setzt sich vermehrt für ihn ein, als der Konflikt mit der Gang zu eskalieren droht. Letzte Spoiler-Warnung: Wenn ihr das großartige Finale des Films noch nicht gesehen habt, scrollt bitte bis ganz nach unten.

Oh, I’ve got one. A Mexican, a Jew, and a colored guy walk into a bar. The bartender looks up and says, „Get the fuck out of here.“

Allein macht sich Walt Kowalski auf dem Weg zur Gang. Er beginnt sie zu provozieren, obwohl er in der Minderheit ist. Drei stehen vor Tür, von denen einer seine Waffe auf ihn richtet. Zwei weitere finden sich oben auf dem Balkon, ein anderer an einem Fenster, die ebenfalls ihre Waffe zücken, als er eine Zigarette hervorholt. Er fragt sie, ob sie ein Feuerzeug haben. Mittlerweile sind vermehrt Nachbarn nach draußen gekommen, die das Spektakel beobachten. „Me, I’ve got a light“, sagt er, lässt langsam seine rechte Hand zu seiner Jacke wandern, als er sie wieder herauszieht, öffnen die Gangmitglieder das Feuer. Kolwalski fällt auf dem Boden, in seiner Hand liegt ein Feuerzeug, keine Pistole: Er ist unbewaffnet gekommen.

Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich er hätte einen ultimativen Masterplan. Denn hatte er zwar, allerdings beinhaltete dieser seinen eigenen Tod. Er wusste von seiner schweren Krankheit und hat sich für Theo und seine Familie geopfert. Es ist ein absoluter Gänsehautmoment, der immer noch häufig Gesprächsthema am Essenstisch zwischen meinem Vater und mir ist.

Da die ganze Straße Zeuge davon war, wie die Gang einen unbewaffneten Mann umgebracht hat, landen sie im Gefängnis. Zum Schluss wird Kowalskis Testament vorgelesen und zum Entsetzen seiner Nichte erhält nicht sie, sondern Theo den Gran Torino, mit dem er in der letzten Szene die Küste entlang fährt… Ein wunderschönes Ende.

Welche Filmenden haben euch beeindruckt?
Habt ihr Lust auf einen zweiten Teil?

 

1 Kommentare

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