Ein Leben mit Mobbing: meine Geschichte

Ich erzähle meine Geschichte nicht, um Mitleid zu erhalten.
Auch nicht, um über meine ach so traurige Kindheit zu jammern.
Sondern um anhand meiner persönlichen Erfahrungen zu zeigen,
wie sich Mobbing ausdrücken kann,
welche Faktoren dabei zusammenspielen
und was es mit einem Menschen macht.

Im Nachhinein kann ich keinen genauen Augenblick nennen, ab dem das Mobbing begonnen hat. Es gab keinen ausschlaggebenden Punkt. Vielmehr war es eine Anhäufung von Kleinigkeiten, von fiesen Kommentaren – die erst in der Summe ihre Kraft entfalten.

Hässlich.
Warum siehst du so aus, wie du aussiehst?
Kannst du nicht so sein wie wir?

Irgendwann, ich müsste um die zwölf Jahr alt gewesen sein, wollte ich etwas Neues mit meinen Haaren ausprobieren. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Mir stehen keine kurzen Haare. Gefundenes Fressen für meine Klassenkameraden.
Neben meinen Haaren fanden auch meine Kleider keinen Anklang. Komplimente wurden zu versteckten Beleidigungen à la „Das ist ja wieder echt schön was du da anhast“. Immer untermauert mit einem falschen Lächeln.
Zusätzlich müsste ich mir meine Beine mal rasieren, meine Augenbrauen zupfen (die viel zu buschig sind) und mich anfangen zu schminken. Richtlinien, von denen ich vorher nichts wusste. Was ich auch nicht wusste: Haaren gehören glatt, nicht lockig. Leider ignorierten meine Haare diese Tatsache und blieben widerspenstig. Ebenso verstand meine Haut nicht, rein zu sein. Eine Schuppenflechte bildete sich im Nacken. „Igitt was ist das denn, kannst du dich nicht mal waschen?“

Meine Schuld, wenn ich zu wenig auf mein Äußeres achte, oder? 

Falsche Interessen.
Warum bist du, du?
Kannst du nicht so sein wie wir?

Neben meinem Aussehen passten ihnen auch meine Interessen nicht.
Ich las zu viel, schaute die falschen Filme, hörte die falsche Musik.
Filme aus den 90ern? Die sind doch viel zu alt und langweilig.
Red Hot Chilli Peppers? Auch nur Mist.

Meine Schuld, wenn ich mich für die falschen Dinge interessiere, oder?

Die Qual des Sportunterrichts

Schon Stunden vorher breiteten sich Magenschmerzen aus, die ihren Höhepunkt beim Wählen der Gruppen fanden. Nach all den Jahren habe ich immer noch diese eine Szene im Kopf: Ich bin wieder einmal die Letzte und die beiden Teams streiten sich darüber, wohin ich soll. Keiner wollte mich in seiner Mannschaft haben. Na ja, ich war halt unsportlich. Ist ja dann verständlich. Fand auch meine damalige Sportlehrerin, die mich vor der Klasse nachäffte, sich über mein fehlendes sportliches Talent amüsierte und damit meine Mitschüler zum Lachen brachte. Ist ja auch echt witzig.

Meine Schuld, wenn ich nicht sportlicher bin, oder?

Wohin mit der Wut?

Ich war so unfassbar wütend. Füllte mich von der ganzen Welt ungerecht behandelt. Die anderen sollten mich verdammt nochmal in Ruhe lassen. Ist das schon zu viel verlangt? Anscheinend schon: Ich spreche sie darauf an. Nein sie machen weiter. Werfen Papierkugeln in meine Haare. Oh, die bleiben da hängen, ist ja witzig. Kommentare setzen ein. Mein Kopf ist kurz vor dem explodieren. Hört auf, Hört auf, Hört auf, schallt es in meinem Kopf. Schalt immer lauter an, bis ich meine Umgebung nicht mehr realisiere, nicht realisiere, dass ich aufgesprungen bin und laut gerufen habe: Lasst mich einfach in Ruhe!

Falsche Reaktion. Ganz falsche Reaktion.
Jetzt gibt es wieder Ärger mit der Lehrerin. Eine Rede über mein schlechtes Benehmen. Ich muss lernen mich zu beherrschen. Elternsprechtageinladung wegen schlechtem Sozialverhalten wird wieder rausgehen. An die anderen nicht, die sind ja lieb und brav.„Nadine zügle deine Lautstärke. Nadine, das geht so nicht, wir müssen dringend über dein Benehmen reden.“

Ein Foto auf Schüler VZ, ich bin im Hintergrund zusehen. In den Kommentaren wird sich über mich lustig gemacht. „Schau mal, wie Nadine da wieder aussieht“, ist noch die nette Variante. Ich schreibe das Mädchen an. Keine gute Idee. In vielen langen Nachrichten bekomme ich zu hören, was ich denn nicht alles kann.

Andere Situation: Jetzt steht sie im Schulflur vor mir: Sagt mir, wie scheiße ich bin und dass ich nichts auf die Reihe bekomme. Ich kann nicht denken, ich kann nicht reflektieren. In meinem Kopf schreit es nur: Hör auf! Was soll ich machen? Wie soll ich sie zum Schweigen bringen? Ich schlage gegen ihr Bein. Wieder realisiere ich es erst wenige Sekunden später. Und wieder ist es der falsche Weg. Ich helfe mir bestimmt sehr, wenn ich dem lieben süßen Mädchen, dass alle mögen, weh tue – ja fanden auch meine Mitschüler.

Schüler wollen Fotos von mir machen. Ich möchte das nicht. Sie knipsen weiter und weiter, halten ihre Bildschirme immer wieder vor meinem Gesicht. Reagieren nicht auf mein: Hört bitte auf. Was ist die Lösung? Ich schlage einer von ihnen das Handy aus der Hand. Worte bringen schließlich nichts. Willkommen Elternsprechtageinladung

Ich bin selbst Schuld, wenn ich mich nicht beherrschen kann, oder?

Wie hörte es auf?

Im Nachhinein kann ich keinen genauen Augenblick nennen, ab dem das Mobbing aufgehört hat. Wie beim Anfang ist das Ende langsam gekommen. Sie haben irgendwann den Spaß daran verloren. Aufgehört hat es dennoch nie richtig, bis zur zehnten Klasse war immer irgendetwas, immer noch war ich die Komische – aber die Kommentare reduzierten sich.

Als die Abschlussfeier kam und die anderen sich weinend in den Armen lagen, habe ich innerlich gelacht und Luftsprünge gemacht. Denn eins war positiv an meiner Klasse: Nur vier Menschen würden mit mir in die Oberstufe gehen. Freiheit. Endlich Freiheit nach vier quälenden langen Jahren.

Hilfe suchen, aber wo?

In all den Jahren bin ich zu keiner Lehrkraft gegangen, auch nicht zu meinen Eltern. Die verstehen mich doch alle nicht. Die Lehrer können mich nicht leiden, für sie bin ich die Schuldige, für die bin ich diejenige, die sich nicht benehmen kann. Die anderen sind die lieben Kinder – wem würden sie glauben?
Und meine Eltern? „Ja, die anderen sind nur neidisch auf dich. Wenn du sie ignorierst, hören sie auf.“ Worauf sollten sie bitte neidisch sein? Und ja einfach nur ignorieren, warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen! Funktioniert super, danke für die wunderbaren Tipps!
Ich hatte eine Freundin, meine damalige beste Freundin. Bei ihr konnte ich mich ausheulen, mich über meine Mitschüler aufregen. Schon das Zuhören tat gut, denn in der Schule konnte sie mir nicht helfen. Dort war ich auf mich allein gestellt. Da war niemand auf meiner Seite. Zumindest nicht in meiner Klasse.

Und jetzt?

Meine Mutter hat mich weiterhin zum Schulsport geschickt, da konnte ich jammern, rumbrüllen, einen Aufstand machen so viel ich wollte. Man kann sich nicht vor allem drücken, das macht einen nur härter: Etliche Jahre später kann ich da nicht ganz zustimmen. Ich habe nicht das Gefühl, aus der Zeit gekräftigt heraus gegangen zu sein. Immer noch haftet die Zeit an mir, sie bleibt da auch geheftet, wie alles, was man erlebt. Immer noch sind diese Szenen in allen Einzelheiten in meinem Kopf, die bei den anderen gewiss längst in Vergessenheit geraten sind. Ich muss nur „Pieces“ von Sum41 hören und bin direkt wieder 13 Jahre alt.

Es hat gedauert, bis ich mein Selbstbewusstsein und mein Selbstwertgefühl halbwegs wieder zusammengebaut habe, nachdem es so lange im Boden vergraben war. Und noch immer ist es ein Einsturz gefährdetes Gerüst mit fehlenden Einzelteilen, dass bei jedem Windzug in der Gefahr schwebt wieder völlig auseinanderzufallen.

Komplimente kann ich immer noch schwer annehmen, mein Kopf ist ständig voller Selbstzweifel und andere Menschen? Ja die nerve ich ja eh, dass ich genau mit dieser Einstellung sie nerve, ist das paradoxe an der Sache. Meine Freunde müssen wirklich Nerven wie Drahtseile haben, neue Freunde finden ist noch eine andere Hausnummer. Feste Gruppen von Menschen machen mich immer noch nervös.

Ich bin selbst Schuld, oder?

Irgendwann, als ich mir nicht anders helfen konnte, bin ich zu der Einsicht gekommen, dass ich selbst Schuld bin. Wohin sollte ich sonst mit der Wut? Ich habe sie schließlich gegen mich gerichtet. Ich bin Schuld, weil ich hässlich bin. Ich bin Schuld, weil ich nichts kann. Wenn man es selbst weiß, macht einem das Gesagte der anderen weniger aus, oder? Hier kommt wieder meine paradoxe Logik ins Spiel.

Aber das ist es, was Mobbing mit einem macht: Es nimmt einem jegliche Lebensenergie, Lebensfreude und saugt im selben Zug das Selbstwertgefühl mit auf.
Mobbing bleibt für immer. Es bleibt immer ein Teil von einem.

Und klar kann jetzt die Argumentation kommen: Es gibt viel schlimmere Dinge.
Ja das stimmt, aber rechtfertigt es deswegen gleich das Mobbing anderer? Nein. Also schaut bitte nicht weg, stille Anteilnahme bringt den betreffenden Personen wenig. Urteilt nicht zu schnell. Oft sind Dinge anders als sie auf den ersten Blick scheinen. Wenn ich etwas aus der Zeit gelernt habe, dann das. Wenn ihr betroffen seid, sucht euch Hilfe. Begeht nicht den gleichen Fehler wie ich, alles mit sich selbst auszumachen.

Seelischer Schmerz ist zwar nicht sichtbar, das heißt aber nicht, dass er nicht trotzdem existiert.

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Lange habe ich gebraucht, um zu mir zu stehen. Rechts trage ich meine Brille, lasse meine Locken und bin ungeschminkt. So wie ich einfach bin.

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