Der erste Shitstorm: Zeit für Selbstreflektion

Manchmal kommen Worte schnell aus einem heraus, zeitweise auch zu schnell, oder aber sie fließen nur schleppend und man hat das Gefühl, nicht die richtigen zu finden. Ich habe schon öfter diesen Text angefangen, die Sätze gelöscht und wieder von vorne begonnen, um sie dann doch wieder zu streichen. Los gelassen hat es mich nicht, weswegen ich an dieser Stelle einmal reflektieren möchte, was ich gelernt- und für die Zukunft mitgenommen habe. Ich möchte aber auch erklären, wo meiner Meinung der Diskurs falsch gelaufen ist.

Nach dieser kryptischen Einleitung, worum geht es überhaupt? Ich hatte vergangenen Samstag einen Blogbeitrag hochgestellt mit dem Titel: „Harry Potter und die transphobische Autorin?“ Diesen habe ich auf Twitter geteilt, woraufhin viele Reaktionen kamen, insbesondere viel Kritik. Ein großer Punkt dabei war, dass ich als cis Frau das Thema aufgegriffen habe. Etwas, das ich vollständig nachvollziehen kann. Ich wollte eine Zusammenfassung der Situation geben, in der ich, weil ich selbst cis bin, trans Menschen zitiere. Das war meine Intention, die allerdings anders wahrgenommen wurde. Und das war die erste Sache, die ich gelernt habe: das eine gute Intention nicht immer auch eine ist. Ich hätte, besonders für diese Art Beitrag, vorab mit Menschen aus der Community zusammenarbeiten sollen und den Beitrag auf problematische Inhalte überprüfen lassen, die mir als cis Mensch nicht bewusst waren.

Weil ich denke, dass ist für alle cis Menschen wichtig zu wissen, auch wenn der ursprüngliche Beitrag nicht mehr online ist, möchte ich euch hier die Punkte wiedergeben, die ich mitgenommen habe. Vielleicht waren sie euch ja auch nicht bewusst.

1.) Die Definition von „sex“ und „gender“ ist wesentlich komplexer als einfach nur „biologisches“ und „gesellschaftliches“ Geschlecht. Beides wird als fluide, als wandelbar angesehen. Die sexuelle und geschlechtliche Identität der Menschen wird also nicht zwangsweise an den Geschlechtsorganen festgemacht, mit denen sie geboren werden. Zudem liegt ein Konsens in der Wissenschaft zwischen der strikten Einteilung in weiblich und männlich liegt nicht mehr vor.

2.) „Transphob“ ist allgemein zwar sehr geläufig, besonders im englischen Sprachgebrauch („transphobic“), aber weitaus problematischer. Unter Phobie bezeichnet man Ängste von Menschen, beispielsweise die Klaustrophobie, die Angst vor engen Räumen. Dafür können Menschen nichts. Transfeindlichkeit hingegen ist eine Entscheidung, mit der andere Personen diskriminiert werden. Dies werde ich ab sofort in meinem Sprachgebrauch ändern.

3) Blaire White ist eine trans Frau ist, die eine überwiegend rechte, sehr konservative Community füttert. Ich wurde auf ein Video von Samantha Lux hingewiesen („Blaire White Is Lying About J.K. Rowling’s „Troubled Blood„) indem sie, wie man dem Titel entnehmen kann, zeigt, dass Blaire White lügt, dass Rowlings neues Buch transfeindlich ist und erklärt, warum dies so ist. Ein ebenfalls empfehlenswertes Video über Blaires Fehlinformationen stammt von Sam Collins.

Es ist wichtig, wenn man Fehler macht, kritisiert zu werden, diese anzunehmen und daraus zu lernen, weswegen ich mir auch alles genau durchgelesen und zusätzlich neue Bücher zu dem Thema bestellt habe, um mich stärker zu informieren.

Ein Punkt, in dem ich kritisiert wurde, war, dass ich es eine emotionsgeladene Debatte genannt habe. Das war eine ungünstig gewählte Formulierung, bei der ich keineswegs an die sehr gerechtfertigten Reaktionen der trans Community gedacht habe, sondern an den Hashtag #RIPRowling, der es der Autorin ermöglicht, sich wunderbar weiter als Opfer zu inszenieren, wie man es in ihrem Essay gut sehen kann.

Dazu kommt, dass bei Boykott Aufrufen vergessen wird, wie viele Jobs beispielsweise bei The Cursed Child dran hängen und dass da beispielsweise viele Schauspieler*innen arbeiten, die Rowlings Transfeindlichkeit ablehnen und kritisieren. Empfehlenswert ist da Julia (Miss Foxy Reads) Beitrag, die fünf Tipps gibt, wie man Harry Potter konsumieren kann, ohne Rowling zu unterstützen.

Als ich eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung Twitter geöffnet habe, hatte ich lauter Benachrichtigungen, darunter waren auch weniger nette. Deswegen hatte ich meine Insta Story auf Twitter gepostet, in der ich darauf hingewiesen habe, dass man Fehler macht, man mir bitte auch Respekt gegenüber bringt und das ich auf sämtliche Kritik noch reagieren werde. Auch hierfür bekam ich viel Kritik und zeitweise wurden mir Worte in den Mund gelegt. Ich wollte meine Fehler nicht relativieren oder mich als Opfer darstellen. Es ging mir nur darum, dass man Kritik auch freundlich und nicht beleidigend formulieren kann.

Auch wenn man das im Internet oft vergisst, ist immer noch ein Mensch hinter jedem Bildschirm. Das Internet ist schnell und Kommentare, besonders wenn es Kritik ist, kommen noch schneller. Manchmal braucht man Zeit, um sich umfangreich mit den angesprochenen Punkten auseinanderzusetzen und zu lernen. Nur weil das nicht in fünf Minuten geschieht, muss man niemandem Uneinsicht vorwerfen.

Insbesondere die Art und Weise wie die Sache in non-mention Verbreitung fand, stößt mir negativ auf. Dieses Verhalten hat was von Lästerrunden auf dem Schulhof, etwas, dass wir doch alle nicht gut finden. Wenn man etwas über mich zu sagen hat, kann man mich auch gerne darin markieren und mit mir reden. Dieser Twitterkultur mit Likes generierenden, ausschlachtenden Non-mention mit Vorführung einer Person ist mir befremdlich. Dies hilft keiner Seite weiter. Man kann selbst nicht mehr mitreden, daraus lernen und der Diskurs fällt weg, womit keine Veränderung bewirkt wird. Anders als mit offener, konstruktiver und wichtiger Kritik, die mit so einem Verhalten über schallt wird. Und um die sollte es gehen. Um Zuzuhören, Einsicht erlangen und dazulernen.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Der Beitrag ist aber gut geworden, ich finde es super, dass du ihn gesplittet hast und die sachliche Kritik, die du erhalten hast, somit auch weitergibst. Da können wir alle noch lernen, auch was den Umgang mit Begriffen anbelangt. Das was du am Anfang schreibst ist definitiv ein guter Ansatz, dass man Texte noch einmal von Betroffenen gegenliest und sich ihr Feedback einholt, das ist ja heute in Zeiten des Internets möglich. Da reicht ja ein Aufruf auf Twitter und ich denke, dass sich da jemand melden würde, der einen kurzen Blogbeitrag liest und auf problematische Stellen hinweist. Das gute dabei wäre ja, dass der jeweilige Verfasser*in auch sofort etwas lernt, genauso wie die Leser*in im Nachhinein.

    Wo ich ganz bei dir bin ist aber der Ton, den der Diskurs angenommen hat. Das weißt du aber schon. Ich hatte darauf ja auch verwiesen, auch diese Kommentare wurden dann ja inhaltlich verdreht. Aber ich stehe dazu: Für mich sind Beleidigungen, Hass und Hetze gegen Andere keine Kritik und keine Meinungsäußerungen – egal in welchem Kontext. Jeder sollte in der Lage sein sachlich Kritik zu üben und freundlich bleiben.

    Ich finde aber gut, dass du dich noch mal äußerst, das nicht einfach ignorierst, gerade weil es dich beschäftigt.

  2. Ich finde es immer sehr schwierig, wenn Kritik in „Hate“ ausartet. Wie du schon schreibst, gibt es Kritik, die gerechtfertigt ist. Und manchmal braucht man eben auch einfach eine andere Perspektive, um ein Thema neu betrachten zu können.
    Aber ich bin immer wieder schockiert darüber, was für einen Ton Kritik im Internet schnell mal annimmt. Mit sachlicher Diskussion hat das selten etwas zu tun.

    Du hast wirklich meinen Respekt, dass du das Thema noch mal auf diese Weise ansprichst!

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