Bildnis des Dorian Gray | Rezension

Ein Porträt das altert, während sein Besitzer ewig jung bleibt – das ist die grobe Handlung von Das Bildnis des Dorian Gray und das, was man über den Klassiker, ohne ihn gelesen zu haben, grob weiß. Im Zuge der #readingclassic Runde habe ich mich dem Werk gewidmet, ohne mehr als das obige Wissen darüber zu haben. Dementsprechend bin ich ohne Erwartung dran gegangen und wurde positiv überrascht, in seiner Thematik ist es erschreckend aktuell und in anderen Aspekten erschreckend in seiner Zeit festgehangen.

Der Einfluss des 19. Jahrhunderts

Zu Beginn ist zu sagen, dass Oscar Wilde ein Kind seiner Zeit ist. So liegt Antisemitismus, Rassismus und Spuren des Kolonialismus in seinem Roman vor. Das N-Wort findet in einer Szene Verwendung, in einer anderen leitet ein als geldgieriger beschriebener Jude ein Theater. Mich erschreckt es, beim Lesen zu sehen, wie stark das Gedankengut in den Menschen drin war und es für sie eine Normalität darstellte. Aus heutiger Sicht ist es nicht tragbar, weswegen es mir wichtig war, es nicht unerwähnt zu lassen, wenn auch Das Bildnis des Dorian Gray als Produkt des 19. Jahrhundert betrachtet werden muss.

„Ein widerwärtiger Jude in der unglaublichsten Weste, die ich je in meinem Leben gesehen habe, stand am Eingang und rauchte eine billige Zigarre.“ (S.66)

Vom naiven Mann zum Mann ohne Moral

Anfangs wird Dorian als naiver, hübscher, junger Mann beschrieben, der dem Maler Basil Hallward als Porträt steht. Dieser ist beeindruckt von seiner Schönheit und sieht in ihm seine große künstlerische Muse. In Basils Atelier trifft er auf Lord Henry, der ebenso angetan von Dorian ist. Er schmeichelt ihn und beginnt schon in ihrem ersten Gespräch einen großen Einfluss auf ihn einzuüben. Ihm wird zum ersten Mal seine eigene Schönheit bewusst und er wird wütend auf das Porträt, auf dem niemals der Verfall des Alters zu sehen sein wird. Daher äußert er den Wunsch, dass Porträt solle an seiner Stelle altern. Und so passiert es. Er wird mit seinem Porträt unzertrennlich verbunden, auf dessen sich seine Sünden abzeichnen, vor der er seine Augen schließt. Somit liegt hier wie in Dr. Jekyll und Mr. Hyde das beliebte Doppelgängermotiv der damaligen Zeit vor.

Von Henry immer mehr eingesponnen, verliert er mit der Zeit jegliches Gefühl von Moralität. Ich musste direkt an den Fauststoff denken. Henry ist ein misogyner Mann, der sich über andere stellt und den naiven Dorian nach seinen Willen formt, so bezeichnet er ihn auch als sein „Studienprojekt“. Die Gedankenzüge von Henry wandern immer mehr in Dorian, bis er nicht mehr fähig ist, Mitleid zu empfinden, und sich ganz seinem ausschweifenden Leben hingibt.

Wildes Schreibstil

Ich war überrascht, wie angenehm sich das Buch lesen lässt. Vor Kurzem hatte ich Eine Geschichte aus zwei Städten begonnen und dort meine Probleme mit dem Schreibstil gehabt und ihn bisher immer noch nicht weitergelesen. Anders bei Dorian Gray, wo die Seiten nur dahinflossen. Oscar Wilde hat einen schönen Schreibstil, etwas gehoben wie für die damalige Zeit üblich, fein wählt er seine Worte und es gab mehrere Formulierungen, die ich mir markiert habe. In der Leserunde wurde von den anderen die Länge der Sätze angemerkt, mir persönlich ist sie nicht negativ aufgefallen.

„Das Mädchen lachte erneut. Der Jubel eines gefangenen Vogels lag in ihrer Stimme. Ihre Augen fingen die Melodie auf und warfen sie strahlend zurück; dann schlossen sie sich einen Augenblick lang, als wollten sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder öffneten, war der Schleier eines Traumes über sie hinweggezogen.“ (S. 82).

Eine Überraschung war für mich, dass der Roman größtenteils in Dialogform steht, hauptsächlich wird geredet und geredet. Etwas, dass ich in Büchern nicht kenne, mir aber gefallen hat. Vielleicht kommt hier meine Liebe zu Dramen durch. Auf jeden Fall konnte ich mir gut Henrys hochtrabenden Tonfall vorstellen, und wenn ich mich nicht gerade über seine Äußerungen bezüglich Frauen aufgeregt habe, habe ich gerne ihren Gesprächen gelauscht.

„Ich fürchte, Frauen schätzen Grausamkeiten, schonungslose Grausamkeit, mehr als alles andere. Sie haben erstaunlich primitive Instinkte. Wir haben sie emanzipiert, aber sie bleiben trotz allem Sklavinnen, die ihren Herrn suchen. Sie lieben es, beherrscht zu werden.“ (S. 135)

Einen Bruch gibt es mit dem elften Kapitel. Dort wird in Zeitraffer Dorians ausschweifendes Leben beschrieben und aufgelistet, welche besonderen Sammlungen er gemacht hat. Hierbei sind meine Gedanken beim Lesen öfter abgeschweift. Die Funktion des Kapitels erschließt sich mir, dennoch konnte ich damit nichts anfangen und empfand es als den schlechtesten Abschnitt des Buches.

„Es gibt eine Verschwendungssucht in der Selbstklage. Wenn wir uns selbst tadeln, glauben wir, kein anderer habe das Recht, uns zu tadeln. Die Beichte, nicht der Priester, erteilt uns Absolution. Als Dorian den Brief beendet hatte, fühlte er, dass ihm vergeben worden war.“ (S. 127)

Aktuelle Thematik

Den Wunsch nach ewiger Jugend, die Angst vor dem Altern, Menschen, die verzweifelt jung bleiben wollen, Schönheitsoperationen, um Merkel des Alters zu retuschieren – das Thema des Romans ist immer noch hochaktuell. Wahrscheinlich, da es universell ist und sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, denn wir sind nun mal sterbliche Wesen und diese Tatsache kann einem Angst einjagen. Spannend ist im Roman auch, dass gesagt wird, dass schlechtes Verhalten sich auf dem Gesicht eines Menschen abbildet und eine hübsche Person jemand ohne Makel ist. Zum Teil findet sich dieses Gedankengut in der heutigen Zeit wieder. Immer noch haben  es oft von der gesellschaftlichen Norm als hübsch geltenden Menschen einfacher und ihnen werden ihre Taten eher verziehen.

Fazit

Ein Roman über moralischen Fall durch Ausschweifung und der wenn auch aus aktueller Betrachtung etwas plakativen Message, dass Schönheit nicht alles ist. Das Bildnis des Dorian Gray lässt sich dank Wildes schönen Schreibstil angenehm lesen, wenn man sich auf Dialog einlässt und die Erwartung herausnimmt, dass das Porträt besonders stark in Erscheinung geht.

Weitere Meinung:
Tina & Celina (Buchpfote)

2 Kommentare

  1. Das Buch habe ich tatsächlich vor einigen Jahren auch gelesen und gefiel mir ausgesprochen gut. Die Thematik ist universell und der Schreibstil sehr angenehm. Wo ich jetzt deine Review gelesen habe, fiel mir wieder ein, dass ich von der Figur des Henry sehr überrascht war bzw. ich hatte sie damals beim Lesen nicht erwartet. Ich dachte vorher, Dorian wäre so wie er ist, aber dass er einen Einflüsterer hatte, das war nicht das, was ich über diesen Klassiker vorher wusste.

  2. Eine sehr tolle Rezension. Hast du gut auf den Punkt gebracht. Über den Einfluss der Zeit hatten wir es ja schon, die darf bei einem solchen Werk eben nicht ignoriert werden, sondern muss miteinbezogen werden. Was mich abschreckt am Buch ist jedoch seine Dialogform. „The Witcher“ hat ja auch unfassbar viele Dialoge, teilweise seitenlang und ich habe jetzt festgestellt, dass das gar nicht meines ist. Habe da Band 1 nun auch abgebrochen, worüber ich mich etwas ärger, weil das Buch echt nicht billig war. Aufgrund des Hypes rund um die Serie, hat man die Preise doch angezogen. Aber ist jetzt halt so, Fehlkäufe passieren. Da bleibe ich bei Dorian Grey aber lieber bei den filmischen Umsetzungen oder Theaterstücken – in der Form habe ich das Werk als erstes gesehen und war da damals sehr angetan von der Geschichte. Im Anschluss folgte der Film mit Ben Barnes, wo der Hauptdarsteller für mich zumindest perfekt in die Rolle gepasst hat (optisch), aber die Handlung selbst dann doch ein paar Schwächen hatte. Ist kein cineastisches Meisterwerk aber schaubar. Ich würde mir ja ansonsten gerne demnächst, vilt. auch über Halloween, „Penny Dreadful“ bei Netflix anschauen, da ist Dorian Grey ja auch eine der Hauptfiguren und ich lese immer wieder, die soll recht gelungen sein, weil da viele bekannte Monster und Mysteryfiguren aufeinandertreffen.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Nadine,
    jaaa ich finde es so toll dass da auch Helena Bonham Carter mitspielt, die Frau liefert immer ab. Ich kenne echt keine Rolle von ihr, wo sie mich schauspielerisch nicht überzeugt hätte. Sie ist da halt echt auch einer meiner Hauptgründe reinzuschauen, genauso wie das Setting. Wir hatten es ja letztens mal drüber das dieses viktorianische London kaum in Serien/Filen auftaucht.

    Also man kann sich „Maria Stuart“ schon anschauen, die Schauspielerinnen sind toll, aber in Bezug auf die feministische Botschaft, die man ja anvisiert hat, hat der Film für mich halt doch seine Schwächen. Dazu sollte man halt auch im Hinterkopf haben, dass das alles sehr fiktionalisiert ist, also die Begegnung, um die sich der Film dreht, die gab es ja nie. Das sollte man also nicht für „wahre Begebenheit“ nehmen, wie viele es halt getan haben.

    Die Absetzung hat mich auch nicht überrascht, weil man so lange nichts über den Stand von „Altered Carbon“ gehört hat. Das ist immer das klare Absetzungszeichen. Ich finde es halt nur etwas komisch, dass man sich dann aufgrund der von Anfang an bekannten hohen finanziellen Kosten der Romanumsetzung überhaupt für die Serien entschieden hat. Das war von Anfang an klar kommuniziert und auch mit Blick auf Buchvorlage mehr als deutlich. Schade. Aber S2 soll ja auch nicht mehr so gut sein, da hatte ich das gleiche wie du gehört. Vielleicht ist ja die Buchreihe dann was für dich – sind wohl drei Bände und die sind halt ganz anders als die Serie.

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