1984 und die Vergangenheit des freien Gedankens [Klassiker Vorstellung]

George Orwells Klassiker 1984 hat sich wie ein Faustschlag angefühlt, der beim Fortschreiten des Buches immer stärker wurde. Ich habe schon einige Dystopien gelesen, doch keine konnte mit dem tiefgreifenden Pessimismus von 1984 mithalten. Der von Orwells erschaffene Überwachungsstaat lässt einen Schaudern, denn freie Gedanken sind untersagt. Was bleibt von dem Menschen übrig, wenn ihm seine Gedanken genommen werden? Ist der Mensch dann überhaupt noch ein Mensch? Jeder Funken Hoffnung wird ausgeblasen, nicht die kleinste abgebrannte Kerze ist vorhanden. Aus diesem Grund habe ich lange für das Lesen gebraucht. Es gibt Bücher, die verschlingt man und es gibt Bücher, bei denen man sich zwingen muss, weiterzulesen. Dennoch hat sich das Durchkämpfen gelohnt. 1984 ist ein faszinierendes Buch, das einen so schnell nicht mehr loslässt

Doch worum geht es überhaupt?

Die Welt ist in drei große Machtblöcke eingeteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Winston Smith lebt in London, dass in den Machtbereich von Ozeanien gehört. An der Spitze steht der „Große Bruder“, der nie selbst in Erscheinung tritt. Stattdessen üben die Mitglieder der „Inneren Partei“ sein Gedankengut aus, unter ihnen steht die „Äußere Partei“ und ganz unten in der Gesellschaft befinden sich die „Proles“, die breite Masse.

Winston ist ein in die Jahre gekommener 39 jähriger Mann. Er gehört der Äußeren Partei an und arbeitet für das Ministerium der Wahrheit. Dieses beschäftigt wie die Ministerien der Liebe und des Friedens paradoxerweise mit dem Gegenteil: der Lüge. An der Spitze des Staates steht der „Große Bruder“ und wenn dieser etwas gesagt hat, was sich nachher als falsch herausgestellt hat, werden alle Beweise zerstört und Zeitungsartikel sowie Reden umgeschrieben.

Das Motto der inneren Partei lautet:

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Die Vergangenheit wird daher fortlaufend verändert und an die Gegenwart angepasst, jeder Widerspruch wird ausgeräumt. Wenn Ozeanien statt mit Eurasien nun mit Ostasien im Krieg ist, befand sich Ozeanien immer im Krieg mit Ostasien. Beweise, die das Gegenteil behaupten, werden durch ein Gedächtnis-Loch geworfen.

„Dann knüllte er, mit einer fast völlig unbewußten Bewegung, die ursprüngliche Meldung und alle von ihm selbst gemachten Notizen zusammen und warf sie in das Gedächtnis-Loch, um sie von den Flammen verzehren zu lassen.“ (S. 39)

System Kritik in 1984

Trotz seiner Arbeit kritisiert Winston das System, er zweifelt die Wahrheit der Partei an und meint sich zu erinnern, dass die Vergangenheit einmal anders ausgesehen habe. Aufgrund seiner Abneigung gegen den Staat, der seine Erinnerung stetig fälscht, beginnt er am Anfang des Buches ein Tagebuch zu führen und seine Wahrheit festzuhalten, womit er sich strafbar macht, denn alles muss in den Trevisor eingesprochen werden, mit dem die Gesellschaft ununterbrochen beobachtet wird. Jedes noch so kleine Geräusch oder Gesichtsmimik wird von ihnen aufgenommen. Winston wagt das Führen des Tagebuchs, weil er sich in einer kleinen Nische von dem Trevisor sich in Sicherheit wagt. Dennoch kommen ihm immer wieder Sorgen ein, da Menschen, die ein Gedankenverbrechen ausüben, vom Erdboden verschwinden und es so ist, als hätten sie nie existiert.

1984 rezenGedanken Determinierung

Ein Gedankenverbrechen bedeutet die Partei und ihre Wahrheit anzuzweifeln.
Die Menschen sollen selbstständiges Denken verlieren. Nicht nur Meinungsfreiheit wird in Orwells Roman 1984 nicht gerne gesehen, schon der Gedanke macht einen Strafbar, nicht das aktive Handeln, sondern schon der Gedanke, etwas ändern zu wollen. Somit ist Winston stets bemüht, ein neutrales Gesicht zu machen, denn schon ein falscher Ausdruck, ein überraschter Blick oder das Verdrehen der Augen, können Böse für einen enden – als Gesichtsverbrechen wird es bezeichnet. Lange hätte ich in dieser Welt nicht überlebt, denn in einem Poker Face bin ich alles andere als gut, jede Gefühlsregung ist auf meinem Gesicht abzulesen. Doch möchte man in so einer Welt überhaupt leben? Ist dort das noch Leben lohnenswert?

Um die Gedanken zu dezimieren, wird eine Neusprache entwickelt, bei der eine Wortvereinfachung vollzogen wird und der Wortschatz von Jahr zu Jahr abnimmt. Statt das verschiedene Differenzierungen von Gut und Schlecht gibt, gibt es nur noch gut und ungut. Da den Menschen die Möglichkeit genommen wird, sich mit der Sprache in all ihren Nuancen auszudrücken, wird ihnen auch die Möglichkeit des Denkens genommen. Jedes Spiel mit der Sprache geht verloren, die Möglichkeit sich komplexe Sachverhalte zu erschließen, was bleibt ist jegliches, nicht hinterfragtes Nachplaudern der Partei.

„Siehst du denn nicht, daß die Neusprache kein anderes Ziel hat, als die Reichweite des Gedankens zu verkürzen? Zum Schluß werden wir Gedankenverbechen buchstäblich unmöglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denen man sich ausdrücken könnte. Jeder Begriff, der jemals benötigt werden könnte, wird in einem einzigen Wort ausdrückbar sein, wobei seine Bedeutung streng festgelegt ist und alle seine Nebenbedeutungen ausgetilgt und vergessend sind.“

Bekämpfung sexueller Begierde, nur Fortpflanzung

Winston möchte verstärkt etwas gegen den Großen Bruder unternehmen. Er hofft in Julia eine Verbündete zu finden, die um ihre Tarnung aufrechtzuerhalten, sich bei der Jugendliga gegen Sexualität beteiligt. Sie bildet einen Gegensatz zu Winston, da sie nicht, wie er, das System stürzen möchte, sondern für ihr individuelles Leben das Beste herausholen möchte. Julia ist ihr freies Sexleben wichtig, welches ihr die Innere Partei untersagt, die versucht ist, jegliche Begierde abzutöten (S. 63). Während Winston einen gesellschaftlichen Kampf ausübt, übt sie einen persönlichen aus. Es kann Kritik ausübt werden, dass Julia als  Frau das Leidenschaftlich und Gefühlsbetonte zugeschrieben wird. Vertiefen möchte ich es an dieser Stelle nicht, doch wollte ich es zumindest angesprochen haben. Es wäre interessant, einen verstärkten Blick auf das Frauenbild älterer Romane zu werfen.

1984: Ein Leben ohne Individualität

In George Orwells Roman ist jede freie Meinungsäußerung, jeder freie Gedanke verboten. Die Wahrheit liegt bei der Partei, die Politik zu hinterfragen, was kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist, gibt es nicht. Kritisches Denken wird ausgelöscht. Die Menschen sollen wirklich die Äußerungen der Partei glauben und nicht lügen und sagen, was der Große Bruder hören möchte. Es geht ihnen um strikten Gehorsam, um das verinnerlichte Wissen, dass die gesamte Wahrheit nur bei der Partei liegt und somit vier plus vier fünf ist, wenn die Partei das sagt. Freiheit, Individualität und Mündigkeit gibt es nicht mehr, so hält Winston in seinem Tagebuch fest:

„Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt ist, folgt alles weitere.“

 

ein weiterer Gedanke:

7 Kommentare

  1. Schöner Beitrag über ein tolles Buch! Das Buch „1984“ gehört zu einem meiner Lieblingsbücher, das auf der Liste der Bücher steht, die ich unbedingt ein zweites Mal lesen möchte. Es regt in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken an und lässt einen am Ende des Buches, erst mal mit einem Gefühl der Sprachlosigkeit zurück. Die Frage, was aus dem Menschen wird, ohne die kostbare Freiheit seiner eigenen Gedanken, wird einem in dem Buch auf erschreckende Weise vor Augen geführt.

  2. Oh ja, „1984“ ist ein sehr unangenehm zu lesendes Buch. Unangenehm in Bezug auf die darin erschaffene Welt und ihre Bewohner.

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